Teil 2. Denken (Cognition) und Sprache
Kurzzusammenfassung:
„Denken (Cognition) und Sprache“
In dieser Arbeit wird die Sprache als biologisches Phänomen betrachtet. Dabei wird jedoch die Sprache als cognitive Fähigkeit im linguistischen Raum gesehen. Dies ist eine Fähigkeit, die einhergeht mit dem Phänomen des Lebens (siehe Zellen und Cognition).
Es wird dabei die geschichtliche Entwicklung der Linguistik und Sprachforschung dargestellt. Sie ist ausgerichtet auf die Philosophie, die als Nachdenken über das Denken, das sich in der Sprache manifestiert (Linguistik Turn, Rorty), auftritt. Da dieses philosophische Denken noch mehr im Vordergrund steht als der Begriff der Cognition, erscheint Cognition nur in der Klammer.
Diese Vertiefung in die Sprache ( Linguistik Turn) ist auch deshalb förderlich für die Erforschung des Denkens, weil wir das Denken nicht direkt beobachten können, wie Rudolf Steiner als erster klar formuliert, indem er sagt: das Denken ist das unbeobachtete Element im gewöhnlichen Geistesleben. Wir können den Vorgang des Denkens erst in seiner Manifestation in der Sprache erfahren.
Wittgenstein und Daniel Dennett machen ähnliche Bemerkungen.
Wir untersuchen in diesem Aufsatz, ob diese „Unbeobachtetheit“, sich beim Sprechen und Schreiben tatsächlich zeigen läßt.
Die Libet Experimente, bei denen es um Auslösereize von Handlungen geht, weisen in die gleiche Richtung, nämlich in die, dass sie uns nicht bewusst sind und damit sind sie unbeobachtet. D.h. das Denken darüber, was wir tun wollen, ist dann erst als Denkprodukt beobachtbar, nämlich als Bewusstseinsphänomen, wenn es schon passiert ist.
Im Zentrum dieses Linguistik Turn steht Ludwig Wittgenstein, der zwei unterschiedliche Sprachphilosophien begründet hat, nämlich die analytische Philosophie und die Philosophie der normalen Sprache.
Die analytische Philosophie ist vor allem einem Phänomen, nämlich dem der Mathematik geschuldet; denn die Mathematik hat durch ihre Erfolge bei der Formalisierung der Berechnung der Bahnen von Körpern in der Physik, die Sehnsucht nach Gewissheit besonders geschürt. Um die Gewissheit in der Mathematik weiter zu steigern, haben Frege und Russel versucht, die Sprache zur Beschreibung der Grundlagen der Mathematik zu formalisieren . Denn letztlich ging es darum, die Mathematik von der Vagheit der normalen Sprache zu befreien.
Viele Probleme in der Philosophie fielen durch die Formalisierung weg. Ludwig Wittgensteins Satz am Ende des Tractatus lautet: worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Sprechen durfte man gemäß Wittgenstein allerdings nur über die empirisch erforschbaren Sachverhalte.
Wittgenstein hing zu diesem Zeitpunkt noch dem Positivismus an, der von dem Gegebenen (Positivismus von lat. Ponere = setzen, geben) in der Welt ausgeht, das sich in der Sprache spiegelt. Wittgenstein hatte zunächst eine sogenannte repräsentative Bildtheorie der Realität entwickelt.
Nach einem Rückzug aus der Philosophie (Lehrer, Gärtner, Architekt) hat er gesehen, das es keine ideale Sprache gibt, von der aus man die normale Sprache beurteilen oder klären kann. Wir müssen sie nehmen, so wie sie ist und können Sie uns nur klar machen, indem wir uns in einer Art Münchhausenprinzip am eigenen Schop aus dem Dreck ziehen. D.h. wir müssen die normale Sprache mit Hilfe der normalen Sprache analysieren.
Wittgenstein hat dies versucht und als methodisches Werkzeug den Begriff des Sprachspiels entwickelt, anhand dessen wir uns den Raum ansehen können, indem die Sprache schwebt (verkürztes Zitat Wittgenstein), und so eine Ahnung von ihrer Funktion und Bedeutung bekommen.
Der zentrale Begriff zur Ermittlung der Bedeutung ist nun der Gebrauch der Sprache: „ Meaning is use“. Damit ist nicht mehr die Wahrheit einer Sache im Zentrum der Sprache, sondern ihre Funktion. Dadurch werden all die Themen, die durch den Tractatus auf dem Müll gelandet sind, wieder diskutabel (Religion, Ethik, der Sinn des Lebens usw..) Über die Sprachspiele kann man nun die Lebensform erhellen, ohne sie bewerten zu müssen.
George Lakoff hat die Lebensform ebenfalls analysiert, aber vor allem indem er sich nicht Sprachspiele angeschaut hat, sondern Metaphern.
Er fand dabei dass der Geist verkörpert ist. Z.B. wir „begreifen“ Dinge, wir „verstehen“ sie, Probleme liegen uns im Magen usw.
Es zeigte sich über das Misslingen des Crick-Projekts - d.h. die Unfähigkeit über neuronale Korrelate (NCC) eine klare Verbindung zwischen Geist und materiellen Vorgängen herzustellen zu können - dass unser Geist zwar nicht naturalisiert, aber durchaus verkörpert werden kann. Lakoff und Varela prägten dafür den Begriff des Embodiment.
Dieses Embodiment, diese Verkörperung passiert nun durch ein Einarbeiten (Enaction) eines Begriffs in die Lebensform über die Körperlichkeit; z.B. das begreifen ist ein sehr aktiver köperlicher Vorgang, der sich sowohl im wortwörtlichen Sinn aber auch im übertragenen Sinn als Metapher zeigt. Dieses Einarbeiten ist aber eben wieder kein bewusster Vorgang; Wittgenstein sagt: wir werden abgerichtet.
Deshalb können wir unsere Worte zwar wunderbar verwenden, aber sie sind uns nicht bewusst und wir müssen sie uns in aufwendiger Sprachspielanalyse erarbeiten.
Ein großes Problem bei den Worten, bzw bei den Begriffen ist, dass sie nicht unabhängig sind und die Worte nicht einfach als Art Etikette auf den Gegenständen sitzen, sondern sie in komplizierter Weise zusammenhängen. Robert Brandom hat dies in seinem Inferentialismus am deutlichsten beschrieben.
Z.B . das Wort Feder kann eine Vogelfeder bedeuten oder eine Metallfeder. In jedem Fall erweckt dieser Begriff in uns ganz unterschiedliche Assoziationen. Sodass jeder sofort weiß: eine Metallfeder schwebt nicht zu Boden wie eine Vogelfeder. Hegel hat diese Abhängigkeit als erster deutlich gesehen und in seiner Logik dargestellt. In Brandoms großen Werk „in the spirit of Trust“ wird dieser Inferentialismus deutlich auch für Hegel als zentrales Moment gezeigt.
Mit dem Inferentialismus wird auch der Holismus der Sprache deutlich. Ein neuer Begriff wirkt sich sofort durch einen Wandel in der Lebensform auf viele Begriffe aus. Das heißt ein ganzer Sprachkörper kann dadurch starke Veränderungen erfahren.
Auch der Zusammenhang der Begriffe ist ein Problem für das bewusste Verstehen der Worte einer Sprache. Dadurch bewegen wir uns ständig in einem dialektischen Prozess, wo wir zunächst der Sprache an sich begegnen; die wir uns anschaulich machen über die Arbeit an der Pragmatik, an der Untersuchung der Sprachspiele, so dass sie zur Sprache für uns wird und damit auch zur Sprache an und für sich (Brandom).
D.h. indem wir diesen dialektischen Prozess vollziehen, kommen wir zu einem expliziten Verständnis von Welt, das implizit in der Sprache und Lebensform verborgen ist.
Esotherische und spirituelle Erfahrungen können in Bezug auf unsere Freiheit nach Friedrich Schiller und Rudolf Steiner im ästhetischen Zustand gemacht werden, wenn unsere Seele in chiastischen Bewegungen Umstülpungen erfährt oder in lemniskatischen Bewegungen Icherlebnisse auftreten.
Inhaltsverzeichnis:
Cognition (Denken) und Sprache
Die kognitiven Räume des Lebens
Der linguistische Raum als Spiegel des biologischen Systems
Geschichtliche Entwicklung der Sprachforschung
Die Anfänge im 17. Jahrhundert – Die Port-Royal-Grammatik
Laut und Bedeutung – Die Verbindung von Zeichen und Sinn
Wortarten und ihre Funktionen
Syntax und Semantik
Pragmatik und Lebensform
Weltwissen und Bedeutung
Sprachentwicklung und Sprachfähigkeit – Von Chomsky bis Lakoff
Das Denken und die Philosophie
Denken, Vernunft und Bewusstsein bei Kant und Hegel
Rudolf Steiner und das Denken als unbeobachtetes Element
Das Problem des Unbeobachteten Denkens beim Reden und Schreiben
Das Problem des unbeobachteten Denkens bei anderen Autoren wie Wittgenstein, Dennett, Kleist und Libet
Der Linguistic Turn – Sprache als Grundlage des Denkens
Wittgensteins Gegensätzliche Phasen: Tractatus logico philosophicus und philosophische Untersuchungen
Wittgenstein I: Der Tractatus logico-philosophicus
Die Mathematik als Paradigma wissenschaftlicher Gewissheit
Die natürliche Sprache macht die Mathematik vage
Frege bringt zunächst die Lösung für die Aufhebung der Vagheit in seiner Begriffsschrift
Wittgenstein zeigt die Problematik beim Erlernen des Dingworts auf
Die Junktorenlogik – ein weiterer wichtiger Schritt in der Aufhebung der Vagheit in der Mathematik
Der logische Positivismus und seine Grenzen
Die Bildtheorie Wittgensteins für die normale Sprache
Der Zeigecharakter der Sprachstruktur
Der logische Positivismus führte zu einer Formalisierung der normalen Sprache aber nicht zu ihrer Klärung
Alle philosophischen Probleme, die gelöst werden können, erscheinen Wittgenstein gelöst durch den Tractat
Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen
Wittgenstein II: Die „Philosophischen Untersuchungen“
(Münchhausenmethode und nicht God eye view)
Goethezitat: Den Raum sichtbar machen indem unsere Sprache schwebt (zentrales Motto für Wittgenstein)
Sprachspiele und Lebensformen
Die Bedeutung als Gebrauch – „Meaning is Use“
Der therapeutische Ansatz der Philosophie
Der soziale Charakter der Bedeutung:
Wir können die Sprache anwenden, ohne dass wir die Verwendungsweise ihrer Begriffe übersehen
Indem wir uns einen Überblick über die Verwendungsweisen verschaffen, können wir unsere Lebensformen klären
Embodiment und Enaction – Die Verkörperung des Geistes
Lernen durch Handlung (Enaction) und Embodiment
Sprachliches Begreifen und körperliche Metaphern
George Lakoff und die Theorie des verkörperten Geistes
Gemeinsame Intentionalität und die Entstehung von Bedeutung
Abgrenzung zu den Tieren
Gemeinsame Intentionalität (Tomasello)
Privatsprachenargument (Käferbeispiel)
Neurobiologische und kognitive Perspektiven
Grenzen der künstlichen Intelligenz
Robert Brandom und der Inferentialismus
Bedeutungsholismus
Der esoterische Teil – Sprache und Bewusstsein bei Steiner und Schiller
Der Menschheitsrepräsentant – Zwischen Ahriman und Luzifer
Sprachrhythmus und Lauterfahrung
Lemniskatische Bedeutungsbewegungen
Der ästhetische Zustand als Einheit von Denken und Erleben
COGNITION (Denken) UND SPRACHE
Die kognitiven Räume des Lebens
Im biologischen Teil haben wir uns in verschiedenen Räumen bewegt, in denen cognitive Systeme, wie Zellen und Organismen, im Rahmen der Evolution Probleme lösten. Zunächst begann diese Entwicklung in einem chemischen Raum (Bildung der Nukleotide, Proteine und den gesamten Molekülen der Zellmaschinerie. Daraus bildete sich ein transkriptionaler Raum mit Replikation, Transkription und Translation. Dieser ist gepaart mit einem physiologischen Raum, der auf der Lenkung von Synthesen und Analysen von chemischen Pfaden beruht. Daraus ergibt sich ein morphogenetischer Raum oberhalb und unterhalb der Zellebene mit verschiedenen Gradientensystemen zum Aufbau positionaler Information. Ein Nervensystem, das für die gezielte und schnelle Weitergabe von elektrischen Signalen sorgt, ermöglicht über Muskeln die Bewegung im dreidimensionalen Raum. In all diesen Räumen fließt sinnstiftende Information, die zu Kant (1781/1787)`schen Ganzem bzw zu cognitiven Agenten auf verschiedenen Ebenen führt, die nun auf höchster Ebene für das Gedächtnis im morphogenetischen Raum und im Gedankenraum sorgen.
Der linguistische Raum als Spiegel des biologischen Systems
Im Gedankenraum hat sich ein Linguistischer Raum gebildet, der nun die Beschreibung all dieser Räume zusammen mit seinem eigenen Raum durch einen cognitiven Agenten ermöglicht, sodass er in der Selbstbeschreibung in einem lemniskatischen Vorgang den Ich-Prozess vollzieht. (Dieses Containerdenken mit Räumen stammt von Michael Levin (2021))
Bisher wurden der biologische Raum und der linguistische Raum nur getrennt voneinander behandelt. In der cognitiven Linguistik haben diese beiden Themen wieder zusammengefunden.
Die geschichtliche Entwicklung der Sprachforschung
Die Anfänge im 17. Jahrhundert – Die Port-Royal-Grammatik
In erstaunlicher Weise fassten im Jahre 1660 die renommierten Grammatiker der Abtei Port Royal in der Nähe von Versailles das Wesen der Sprache zusammen, und seitdem hat niemand die Größe ihrer Leistung eloquenter gepriesen.
„Diese wunderbare Erfindung, welche darin besteht, aus 25 oder 30 Lauten jene unendliche Vielfalt von Wörtern zu bilden, die obgleich sie in sich keinerlei Ähnlichkeit mit dem bergen, was sich in unserem Geist abspielt, nicht versäumen, dem anderen sein ganzes Geheimnis zu entdecken und denjenigen, die nicht in ihn eindringen können, alles was wir uns vorstellen, und die Gesamtheit der verschiedenen Regungen unserer Seele mitzuteilen.“
Es folgt nun eine kleine Wiederholung der Linguistik, wie sie sich zunächst vom Mittelalter bis jetzt entwickelte:
Laut und Bedeutung – Die Verbindung von Zeichen und Sinn
Was bei der Aussage über die Sprache in der Abtei Port Royal sehr gut zum Ausdruck kommt, ist die Verbindung zwischen Laut und Bedeutung. Eine Bedeutung, die auf etwas verweist, das eine Intentionalität im Sinne Brentanos und Husserls zeigt und damit in enger Verbindung mit Phänomenen des Bewusstseins steht.
Diese Verbindung zwischen Laut und Bedeutung wird jedoch erst als Sinneinheit erkannt, wenn die Laute zu Worten zusammengefasst sind. Z. B. „La“ und „bor“ bekommen ihren Sinn erst in ihrer Verbindung, nämlich „Labor“.
Wortarten und ihre Funktionen:
Wortarten:
Es gibt verschiedene Wortarten, wie Dingwörter, Tunwörter, Eigenschaftswörter für Dinge (Adjektive) und für Tätigkeiten (Adverbien), Verbindungswörter (Junctoren) wie „und“, „ oder“, „nicht“ usw., die Wörter und Satzteile Verbinden. Bei Dingwörtern werden dann die Geschlechter und Fälle durch Prä – oder Sufixe angezeigt, in denen sie vorkommen können, bei Tunwörtern auch die Zeiten und Personen.
Es gibt Fürwörter, die für Personen oder Dinge stehen können wie Ich, du, er, sie, es oder solche, die deren Besitz anzeigen, wie mein, dein usw. Und es gibt Wörter die Mengen anzeigen, wie z.B. „alle“. Dann gibt es Wörter die vorangestellt werden, sogenannte Präpositionen wie „vor, über, bei, nach“ usw.
All diese Wortarten geben gewissermaßen die Bedeutungen an, die man in einem Lexikon nachsehen kann. Sie haben eine lexikalische Funktion.
Syntax und Semantik
Es muss außerdem die Anordnung der Wörter in einem Sinnzusammenhang, in einem sogenannten Satz stimmen. Der Satz:“ Alle Uhren müssen neu gestellt werden.“, ist ein ordnungsmäßig korrekt gebildeter Satz. Dies trifft nicht zu auf folgende Anordnung der gleichen Wörter: „Neu gestellt Uhren werden müssen alle“.
Diese spezifische Anordnung der Wörter bezeichnet man als Syntax. Die Syntax hat jedoch gleichzeitig etwas mit der Bedeutung zu tun, mit der Semantik. Z.B. „Gibt Peter Silvia den Schlüssel.“ oder „Peter gibt Silvia den Schlüssel.“ Einmal handelt sich um eine Frage, das andere Mal um eine Beschreibung eines Vorgangs.
Pragmatik und Lebensform
Ein Satz kommt auch immer in einem Kontext vor: Das nennt man die
Pragmatik des Satzes. D.h. der Satz kommt in einem bestimmten Lebenszusammenhang vor, der wiederum ein Teil einer Lebensform sein muss.
In diesem Zusammenhang sagt Wittgenstein (1953): „selbst, wenn ein Löwe sprechen könnte, wir würden ihn nicht verstehen“.
Weltwissen und Bedeutung
Die Wörter hängen in komplexer Form zusammen. Um das zu verstehen brauchen wir ein enormes Weltwissen, das wir im Laufe unseres Lebens erwerben. Z.B. unterscheiden wir zwischen einer metallischen Feder und einer Vogelfeder und wissen dabei sofort wie beide Aussehen, wie sie zu Boden fallen oder gleiten usw.
Wie wir Zugang zu diesen Worten als Begriffe haben, ist völlig unbekannt. Das Gleiche gilt für unser Gedächtnis im Allgemeinen.
Sprachentwicklung und Sprachfähigkeit-Von Chomsky bis Lakoff
Die große Frage, wie die Sprachfähigkeit sich entwickelt, wird einerseits in der individuellen Sprachentwicklung der Kinder empirisch untersucht und man kennt den genauen Ablauf, andererseits gibt es Spekulationen, wie es stammesgeschichtlich dazu gekommen sein könnte.
Noam Chomsky (1965) hat mit seiner transformativen generativen Grammatik vorgeschlagen, dass in uns gewissermaßen eine genetisch festgelegte Struktur vorhanden sei, die sich wie eine Art Organ in der Kindheit entfaltet, wenn genügend Input in Form verschiedener Lautstrukturen vorhanden ist. Er trennt noch sehr stark zwischen semantischen und syntaktischen Strukturen.
George Lakoff (1980) mit seiner generativen Semantik bezieht die Syntax in die Semantik ein.
Das Denken und die Philosophie
Der Begriff des Denkens steht schon lange Zeit im Zentrum des Versuches einen Zugang zu den Begriffen zu finden. Im Umfeld dieses Begriffs „Denken“ hat sich eine Disziplin herausgebildet, nämlich die Philosophie, die sich speziell mit dem Nachdenken über das Denken beschäftigt.
Denken, Vernunft und Bewusstsein bei Kant und Hegel
In enger Verbindung mit dieser Tätigkeit des Denkens stand der Begriff der Vernunft. Er war lange Zeit der Begriff, dessen Kenntnis mehr oder weniger die Leitplanken für richtiges Denken vermittelte.
Die einflussreichsten Versuche diesen Begriff zu charakterisieren und auszuarbeiten haben sicherlich Kant ( Kritik der reinen Vernunft) und Hegel (Phänomenologie des Geistes, Logik) unternommen.
Beide Versuche werden immer noch heftig diskutiert. Viele Begriffe wie z.B. das Bewusstsein, das Selbstbewusstsein und der Geist des Menschen, wurden in diesen Werken einer genauen begrifflichen Analyse unterzogen. Kant (1781/1787) und Hegel (1807) haben sich in ähnlicher Weise wie andere Vertreter des deutschen Idealismus, wie z.B. Fichte und Schelling um die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen und den zentralen Erkenntniswerkzeugen wie Denken und Bewusstsein gekümmert. Die zentrale Frage der Erkenntnis ist einerseits die Frage nach der Wahrheit einer Aussage und andererseits die Frage nach der Methode zu diesem Urteil über eine Aussage zu kommen.
Robert Brandom (1994) hält diese Begriffe, die im Zentrum der deutschen Idealisten wie Fichte, Schelling, Hegel (1807) und Kant (1781/1787) für wichtige Metabegriffe, die ihre Verwendung und ihre Bedeutung in absteigender semantischer Folge erhellen; d.h. die in der Hierarchie weiter unten liegenden Begriffe formen und einschränken. Z.B. Kant (1781/1787) und Hegel (1807) haben eine unterschiedliche Meinung zu der Frage nach dem Ding an sich.
Rudolf Steiner und das Denken als unbeobachtetes Element
Eine spezielle Meinung zum Denken scheint zunächst Rudolf Steiner (1894) zu haben, der über Fichte promoviert hat:
Für Rudolf Steiner (1894) gilt das Denken als archimedischer Punkt, mit dessen Hilfe sich die Frage nach Freiheit und freiem Willen entscheiden lässt. Als wichtigste Aussage bemerkt er in seiner Philosophie der Freiheit:
Das Denken ist das unbeobachtete Element im gewöhnlichen Geistesleben.
Das Problem des unbeobachteten Denkens beim Reden und Schreiben
Wenn man das liest, stellen sich sofort die Fragen:
1. wie soll etwas zum archimedischen Punkt werden, das zumindest im gewöhnlichen Geistesleben das unbeobachtete Element ist.
2. Gibt es Geisteszustände, für die diese Einschränkung nicht gilt. Da muss man leider bis ganz am Ende des Aufsatzes warten und auch dann ist die Antwort für die meisten unbefriedigend, vielleicht sogar etwas verworren.
Aber bevor wir an diese Fragen herantreten, möchte ich zuerst nachprüfen, ob es nachvollziehbar ist, dass das Denken tatsächlich das unbeobachtete Element im gewöhnlichen Geistesleben ist.
Z.B. kann man sich fragen: wie kommt das zustande, was ich gerade schreibe oder lese. Beim Neuverfassen eines Textes kommt etwas aus den Fingern heraus und überträgt sich auf die Tasten der Schreibmaschine; etwas das wir uns nicht schon mal im Geiste vorgesagt haben und dann niederschreiben, nein wir schreiben es nieder und es ist wie ein Wunder, dass es einen Sinn ergibt; sodass wir unserem Schreibhandeln (Eintippen) Vernunft zuschreiben müssen, dem ein Denken des Sinns vorausgeht. Es ist jedoch ein Denken, das wir nicht beobachten. Sodass wir Rudolf Steiner (1894) recht geben müssen.
Genauso wie beim Schreiben erleben wir die Situation beim Sprechen.
Dieses Problem, dass wir das Denken als Werkzeug und Basis der Erkenntnis nicht beobachten können während wir denken, hat auch Wittgenstein (1953) explizit formuliert, wenn auch in etwas anderer Nuancierung:
Er behauptet, dass man nicht etwas gleichzeitig denken kann und sich dabei durch Introspektion beobachten kann, ohne dass dieser Vorgang darauf Einfluss nimmt, was man denkt.
Auch Daniel Dennett (1991) hat sich dazu in ähnlicher Weise geäußert: Er hält das Bewußtsein für ein Produkt des Denkens, das uns eben nach dem Denken als Denkprodukt bewusst wird. Eine Vorstellung, die auch gut zu den Libet (1985) Experimenten passt. Diese Verweisen darauf, dass wir bei der Auslösung eines willentlichen Vorgangs nicht bewusst dabei sind. Diese Vorstellung könnte man dem steiner´schen „Nichtbeobachtet-werden-können“ gleichsetzen.
In der Literatur gibt es von Kleist (1805) einen Titel, der in eine ähnliche Richtung weist, wie die Aussage Steiners: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (von Kleist (1805) 1805).
Welchen Ausweg gab es in der Geschichte der Philosophie im 20. Und 21. Jahrhundert diesem Problem der Unbeobachtbarkeit des Denkens zu begegnen.
Der Linguistic Turn - Sprache als Grundlage des Denkens
Der Ausweg war der sogenannte „Linguistic turn“
Es hat in dem letzten Jahrhundert im Zuge des Strebens nach mehr Gewissheit und Transparenz einen sogenannten linguistic turn gegeben, der dazu geführt hat, dass man sich in der Philosophie stark auf die Manifestation des Denkens in der Welt, nämlich auf die Sprache konzentriert hat. Die zentrale Person bei dieser heftigen Umwälzung und Hinwendung zur Sprache (linguistic turn) in der Philosophie war Ludwig Wittgenstein (1953).
Er hat maßgeblich dazu beigetragen an das Denken mit zwei unterschiedlichen Vorstellungen von Sprache heranzugehen.
Der Tractatus logico-philosophicus und die philosophischen Untersuchungen - das gegensätzliche Früh- und Spätwerk von Ludwig Wittgenstein
1. Eine Richtung dabei geht von seinem einzig zu Lebzeiten veröffentlichtem Werk aus, nämlich dem Tractatus logico philosophicus, der mit seinen 80 Seiten und Sieben Hauptpunkten für viele eine Art Bibel des Empirismus (Erfahrungswissenschaft) wurde, vor allem aber für den sogenannten Wiener Kreis (logischer Positivismus). Im Traktat wird die normale Sprache als vage und unklar angesehen, sodass sie transparenter gemacht werden muss.
2. Die zweite völlig konträre Richtung ging von den philosophischen Untersuchungen (1953) aus, einem Werk, in dem Ludwig Wittgenstein (1953) vom genauen Gegenteil ausging, nämlich, dass die Sprache in all ihrer Vagheit genau ihre Aufgaben erfüllt (Philosophie der normalen Sprache).
Wittgenstein 1: Der Tractatus logico-philosophicus
Zu 1. Nun zunächst ein paar Bemerkungen zum Tractat (Tractatus logico philosophicus)
Die Mathematik als Paradigma wissenschaftlicher Gewissheit
In dem Zeitraum von 1900 bis 1921, der die Entstehung des Tractats maßgeblich bestimmt hat, versuchte man eine neue Klarheit, Gewissheit und Transparenz in die Wissenschaft zu bringen. Das Vorbild dafür war die Mathematik. Newton hatte zusammen mit Leibniz im 17. Jahrhundert eine übersichtliche mathematische Symbolik erschaffen, die komplizierte Berechnungen ermöglichte, wie z.B. die von Geschwindigkeiten, Beschleunigungen und Bewegungsverläufen von Körpern sowohl am Himmel als auch auf der Erde.
Im Widerspruch zu diesen enormen Erfolgen der Mathematik erkannte man im 19. Jahrhundert dass der Mathematik eine wirkliche Grundlage fehlte.
Deshalb hat man zuerst ihren zentralsten Begriff, nämlich die Zahl genauer verstehen wollen.
Man einigte sich relativ schnell auf den Vorschlag von Georg Cantor (1895) im 19. Jahrhundert, dass Zahlen die Menge aller Mengen darstellen, die n Elemente beinhalten. Z.B. die Zahl 5 sei die Menge aller Mengen die 5 Elemente enthalten.
Leider kam der findige Philosoph und Mathematiker Bertrand Russel auf folgendes Problem: Enthält die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten, auch sich selbst?
Das Problem wird anschaulicher, wenn man fragt, rasiert der Friseur der alle, die sich nicht selbst rasieren, sich selbst. Das Dilemma dabei ist: wenn er sich nicht selbst rasiert, rasiert er nicht alle, die sich nicht selbst rasieren. Falls er sich jedoch selbst rasiert, rasiert er auch einen der sich selbst rasiert. Das kann also auch nicht sein. Diese Selbstbezüglichkeit stürzte die Mathematik in eine große Krise, die man zu lösen versuchte.
Durch diese massiven Probleme, sich darüber zu einigen, was eine Zahl ist, hat man bemerkt, dass die Mathematik trotz ihrer vielfältigen Symbolverwendung letztendlich immer noch auf der natürlichen Sprache basiert. Diese Grundlage ist nicht sofort als Problem erkannt worden und als Tatsache auch nicht bewusst gewesen, weil in der Mathematik viele klar formulierte Regeln eingeführt wurden, die es ermöglichten komplizierte Rechenvorgänge so übersichtlich darzustellen, dass man sie einfach lösen konnte und letztlich auch die Vorgänge dafür mechanisieren, sodass heutzutage sogar Rechenmaschinen sie viel schneller bewältigen als ein Mensch.
Die natürliche Sprache macht die Mathematik vage
Die natürliche Sprache als Grundlage machte jedoch die Mathematik in der damaligen Vorstellung vage und widersprüchlich. Deshalb haben die Mathematiker versucht, ihr diese Vagheit auszutreiben, indem sie eine formale Sprache zusätzlich zur mathematischen Symbolik einführten. Der Vorreiter in dieser Richtung war Gottlob Frege (Begriffsschrift). Er wollte in der Mathematik auch Schlüsse ziehen können, die in ihrer Notwendigkeit glasklar und transparent waren und so gewissermaßen die Mathematik auf die Logik zurückführen, sodass sie formalisierbar, und axiomatisierbar wurde.
Frege bringt zunächst die Lösung in seiner Begriffsschrift:
Er sah einen Satz als Zusammensetzung von Verb (Prädikat) und Dingwort. Wobei das Verb die Funktion darstellt und das Dingwort das Argument.
In seiner Begriffschrift betrachtete Frege (1879) Verben (Prädikate) als Funktionen, die verschiedene Wertigkeit haben konnten, wie z.B. der Satz: ,,Norbert gibt Peter Brot" besitzt eine zweiwertige Funktion, die sich auflösen lässt in Norbert (Namen); gibt (zweiwertiges Prädikat); Peter (Objekt 1), Brot (Objekt 2). Ein anderer Satz wie Norbert klagt Peter an, besitzt ein Prädikat mit einwertiger Funktion.
D.h. der deutsche Satz: „Norbert gibt Peter Brot“ wird mathematisiert mit dem Begriff der Funktion, der ein wichtiger Begriff in der Beschreibung von Rechenvorgängen ist.
Wittgenstein zeigt die Problematik beim Erlernen des Dingworts auf
Wie geht man aber nun mit den Dingwörtern um, die die Argumente der Funktion darstellen:
Zunächst hielten viele sie für unproblematisch, da man glaubte ihr Erlernen zu kennen: Man zeigt einfach auf die Personen und Gegenstände (eine Vorstellung die schon der heilige Augustinus hatte, worauf Wittgenstein (1953) in seinen philosophischen Untersuchungen weist) und spricht dann die entsprechenden Laute dazu aus. Man sah sie gewissermaßen als Etikette auf den Gegenständen.
Wie problematisch selbst diese Vorstellung ist, deutete als erster Wittgenstein (1953) auch in seinen philosophischen Untersuchungen an: ,,Zeig auf ein Stück Papier!- Und nun zeig auf seine Form,-nun auf seine Farbe, - nun auf seine Anzahl... - Nun wie hast du das gemacht".
Die Junktorenlogik-ein wichtiger Schritt in der Aufhebung der Vagheit in der Mathematik
In der normalen Sprache gibt es eine Gruppe von Worten, deren Bedeutung tatsächlich erheblich weniger selbstverständlich ist, als das Wort „Peter" oder „Brot". Das sind die sogenannten grammatischen Wörter wie etwa: und, oder, nicht, wenn dann. Kann man etwa auf ein „oder“ deuten oder die Augen schließen und sich ein „und“ vorstellen (Wittgenstein (1953), philosophische Untersuchungen).
Um die Bedeutung dieser Worte zu verstehen oder zumindest auf ihre Bedeutung hinzuweisen bzw. ihre Bedeutung transparent zu machen, hat man Wahrheitswerte einzelnen Sätzen zugeordnet (Frege (1879), Russel), sodass man bei der Verknüpfung der Sätze mit diesen Wörtern sofort die Wahrheit des gesamten Satzkomplexes auf den Wahrheitstafeln (Wittgenstein (1953)) sehen kann. Diese grundlegende Logik wird als Junktorenlogik bezeichnet.
In Wittgensteins Wahrheitstafeln zeigt sich die dahinterliegende Absicht der Klärung von Sachverhalten am deutlichsten ( Siehe Abbildung von und und oder).
Um die Bedeutung dieser Wahrheitstafeln als Veranschaulichung eines Klarheits- und Gewissheitsanspruches zu begreifen, muss man ihren grundsätzlichen Sinn verstehen. Es geht darum, wie man aus einem komplexen sprachlich formulierten Sachverhalt über die Aufspaltung der Gesamtaussage in Teile - deren Wahrheit man einfach feststellen kann - zu einer Beurteilung der Wahrheit des gesamten Satzkomplexes kommen kann. Das Ziel war ganz konkret, dass aus der Zusammenfügung der Teile über Junktoren (wie und; oder und nicht), die Wahrheit des vollständigen Satzes sofort zweifelsfrei vorliegt (siehe Graphik der Wahrheitstafeln)
Ein einfaches Beispiel: Es regnet und die Straße wird nass. D.h. diese Aussage ist nur wahr, wenn die Aussage „es regnet" (p) und die Aussage „die Straße wird nass" (q) beide wahr sind. Dies kann man an der Wahrheitstafel ablesen: (p und q) = W, wenn p =W und q =W. Wenn eine der beiden Aussagen falsch ist, dann ist auch die Gesamtaussage falsch, ebenso wenn beide Aussagen falsch sind. Diese Aussagen liegen tableaux-artig in den Wahrheitstafeln mit ihren unterschiedlichen Zuordnungen vor.
Bertrand Russel, ein Lehrer und Freund Wittgensteins hat zusammen mit Alfred North Whitehead (1910–1913) in der Prinzipia Mathematica einen beachtlichen Versuch der Formalisierung der Mathematik mit Hilfe der auf Frege (1879) basierenden Prädikatenlogik (eine Weiterentwicklung der Junctorenlogik) und Typentheorie (Vermeidung der Selbstreflektivität der Mengenlehre) unternommen. Russel hat diese Form der Logik, als logischen Atomismus bezeichnet.
Die Bildtheorie Wittgensteins für die normale Sprache
Wittgenstein hat in einem Zeitungsfoto gesehen, dass mit Hilfe von kleinen Modellautos ein Unfall nachgestellt wurde. Diese Veranschaulichung hat ihm die Junktorenlogik Freges und Russels als Grundlage seiner Bildtheorie der Sprache erkennen lassen. Die Tatsachen der Welt zusammengebunden durch die Junctoren zu einem Sachverhalt, zu einem Bild. Sprache als Bild der Welt
Ludwig Wittgenstein (1953) hat die Formalisierung der Mathematik in seinem Werk „Tractatus Logico Philosophicus", nicht nur auf Aussagen der Mathematik, sondern auf die gesamte Sprache, also auch auf die Umgangssprache angewendet. Der Grundgedanke dabei war, dass die Sprache ein Bild der Welt darstellt,- mathematisch ausgedrückt - eine homomorphe Struktur (z.B. Strom an, Strom aus ist beim Computer homomorph zur Struktur 0;1) zur Welt bildet.
Wenn ich also die Aussage mache: es regnet und diese Aussage dann mit der Tatsache übereinstimmt, dass es tatsächlich regnet, dann ist die Aussage wahr, d.h. die Welt spiegelt sich dann in der Struktur der Sprache wider. Das ist aber nur die Übereinstimmung von Sprache und Wirklichkeit und sagt etwas aus über die Wahrheit des Satzes.
Zitat aus dem Tractat: Die Grenze der Sprache ist die Grenze meiner Welt. Alles was man sagen kann, kann man klar sagen.
Zeigecharakter der Sprachstruktur
Diese Wittgenstein (1953)´sche Bildtheorie der Sprache hat auch noch einen anderen Charakter, der nichts mit Wahrheitswerten zu tun hat, sondern mit der Struktur der Welt. Diese Struktur der Welt kann sich nur zeigen, so wie die Bedeutung der grammatischen Wörter in den Wahrheitswerten der Junctoren auf den Wahrheitstafeln. Die Struktur der Welt ist nicht nur interessant in ihrer homomorphen Ausprägung bezüglich der Wahrheit einer Aussage, indem Sie mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern auch als sprachliche Struktur an sich. Was nun Wittgenstein (1953) meint mit dem, was sich in der Sprache in anderer Weise als bei den Wahrheitswerten zeigt, lässt sich besser veranschaulichen bei den Farbbegriffen (Bemerkungen über die Farben) Obwohl dieses Beispiel noch nicht im Tractat auftaucht und erst in den philosophischen Untersuchungen ihre tiefere Bedeutung findet.
Wittgenstein (1953) untersucht die Farbbegriffe und findet dabei, dass es bei allen Farben, die im Regenbogen neben einander liegen, Begriffe gibt, die eine Mischform der beiden Farben bezeichnen wie z.B. gelbliches Grün, oder bläuliches Grün usw. Es gibt jedoch keine Bezeichnung für den Übergang zwischen gelb und blau (wie ein gelbliches Blau). Diese beiden Farben sind wohl zu weit auseinander im Regenbogen. Ein gelbliches Blau wird eben als grün bezeichnet. D.h. Hier spiegelt sich in der Sprache eine Eigenschaft der Welt, die man als Komplementarität der Farben bezeichnen könnte. Ganz exakt komplementäre Farben ergeben beim Zusammenmischen schwarz oder weiß, je nachdem ob man sich im subtraktiven (Malerei) oder additiven Mischungsystem (Strahlen) der Farben befindet. D.h. es spiegelt sich in der Sprache eine Eigenschaft der Welt wieder, die nichts mit Wahrheit zu tun hat, sondern mit der Struktur der Wirklichkeit. Meist kann man diese Struktur nicht so klar mit einem Begriff bezeichnen, wie mit dem der Komplementarität. Oft kann man nur sagen, es zeigt sich eine Struktur, wie z.B. „die Nächte sind dunkel“ oder „er hatte einen Geistesblitz“. Diese Form der Struktur würde Heidegger wohl eher „als Bringen in die Unverborgenheit der Lichtung“ bezeichnen.
Ein Gemälde kann nicht durch ein weiteres Gemälde erläutert werden, sondern was der Maler mitteilen wollte liegt im Bild vor, „Es zeigt sich“.
Der logische Positivismus führte zu einer Formalisierung der normalen Sprache, aber nicht zu ihrer Klärung
Wittgensteins Werk, als Bildtheorie der Sprache hat den Startschuss gegeben zu einem neuen Versuch die Erfahrungen des Menschen über die Mechanisierung der Sprache, über eine Algorhythmisierung, die ihre Regeln und Gesetzmäßigkeiten offen legt, zu einer neuen Klarheit und Gewissheit zu kommen. Dieser Versuch wird als logischer Positivismus bezeichnet. Es handelt sich dabei eigentlich um eine Mathematisierung der Sprache. Diese führt zu einer Formalisierung der Sprache, aber keineswegs zu ihrer Klärung.
Es handelt sich dabei um eine neue Form des Empirismus, der als logischer Positivismus bezeichnet wird. Dessen reinster Verfechter Ayer (1936) hoffte durch formalisierte Aussagen auch die Vagheit aus der Physik auszutreiben. Ein weiterer Versuch in diese Richtung ist Rudolf Carnaps logischer Aufbau der Welt.
Eine wichtige Aufgabe des Tractat war auch, dass Wittgensteins in seinem Tractat zum ersten Mal festgelegt hat, worüber man überhaupt sprechen kann, und worüber man schweigen muss.
Er klassifiziert die Sätze bezüglich ihres Sinns. Tautologische Sätze, die notwendig wahr sind oder widersprüchliche Sätze sagen nichts sinnvolles aus.
Sätze die etwas sinnvolles aussagen sind solche, die man empirisch, also über Erfahrung, testen kann. Sie können sowohl wahr als auch falsch sein. Die Wahrheit dieser Aussagen wird man jedoch nie endgültig bestimmen können. Das sind jedoch die für die Physik wesentlichen Aussagen und die einzigen Aussagen, die im Tractat zählen.
Über die Aussagen der Metaphysik, Religion oder Ethik hat man gemäß dem Tractat zu schweigen, da es keine Kriterien gibt, sie zu testen. Darunter gehört also auch die Frage nach dem Wesen des Menschen.
Wittgenstein (1953) hob jedoch die Wichtigkeit dieser Bereiche hervor, indem er sein Werk in folgender Weise kommentierte: „Der Tractat besteht aus zwei Teilen, wobei nur der erste Teil niedergeschrieben wurde, der zweite Teil, der ungeschriebene ist jedoch der wesentlich wichtigere“.
Alle philosophischen Probleme, die gelöst werden können, erscheinen Wittgenstein gelöst durch den Tractat:
Er war sich jedoch schon im Tractat bewußt, dass dieser Tractat eine metaphysiche Theorie war und deshalb nicht die Lösung sein kann. Er schreibt deshalb im vorletzten Satz:
„Meine Sätze dienen auf diese Weise als Erläuterungen. Wer mich versteht erkennt sie schließlich als unsinnig, wenn er sie als Stufen benutzt hat, um über sie hinwegzusteigen. Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.“
Und der letzte Satz im Tractat heißt dementsprechend:
Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Wittgenstein II die philosophischen
Untersuchungen (1953)
Basis sind nun die Überlegungen die in dem Text „ philosophische Untersuchungen“ diskutiert werden.
Münchhausenmethode und nicht God eye view
Ludwig Wittgenstein (1953) hat im Traktat eine künstliche, formalisiertere Sprache verwendet, die er für weniger vage hielt und ihm deshalb besser geeignet erschien, um die normale Sprache zu analysieren und transparenter zu machen. Das Problem war jedoch, dass diese neue künstliche Sprache, nämlich die Prädikatenlogik auf der normalen Sprache basierte. Und wenn man nun so tut, als hätte man mit ihr ein reines unabhängiges Instrument, mit dessen Hilfe man die normale Sprache analysieren kann, dann ist es so, als könnte man einen Punkt außerhalb der Sprache einnehmen und von dort wie ein Gott sie mit dieser idealen Sprache untersuchen. Man bezeichnet diesen Standpunkt in der Philosophie auch als God Eye view oder Blick von nirgendwo (Thomas Nagel (1974)).
Das Problem ist, dass man sich dieser Welt nicht so einfach gegenüberstellen kann, weil man sich in ihr notwendigerweise befindet, wie Martin Heidegger immer wieder betont hat(Heidegger 1927). Eine der zentralsten Existentialien Heideggers sind das In-der-Welt-sein und die Sprache als Haus des Seins. Es bleibt einem in dieser Welt also nichts Anderes übrig als die normale Sprache mit Hilfe der normalen Sprache, also mit ihr selbst zu analysieren. D.h. man muss sich, wie einst der Lügenbaron Münchhausen, an seinem eigenen Schopf aus dem Wasser ziehen.
Goethezitat: Ziel ist es den Raum sichtbar zu machen indem unsere Sprache schwebt.
Diese Münchhausenmethode Wittgensteins findet sich beschrieben in den philosophischen Untersuchungen, dem Spätwerk Ludwig Wittgensteins. Sie basiert gemäß folgender Aussage von Ludwig Wittgenstein (1953) im Wesentlichen auf einer Methode von Johann Wolfgang von Goethe (1790/1823):„Wir sehen, dass die Grundform des Blattes in ähnliche und verwandte Gebilde übergeht: In das Kelchblatt, In das Blütenblatt, in Organe, die halb Blütenblatt und halb Staubgefäße sind usw.Wir verfolgen die Abwandlung eines Typus im Sinnlichen, indem wir das Blatt durch Zwischenformen (Metamorphosen) hindurch mit den übrigen Organen der Pflanze verbinden - und das ist eigentlich auch das, was wir hier machen. Wir stellen eine Sprachform mit ihrer Umgebung zusammen oder wandeln Sie in der Phantasie ab, um so den gesamten Raum sichtbar zu machen, in dem die Struktur unserer Sprache schwebt."
Um die Struktur der Sprache zu sehen, in der sie schwebt, verwendet Wittgenstein (1953) Sprachspiele, wo er sich an die Verwendung von Begriffen herantastet.
Sprachspiele und Lebensformen
Ein wichtiges Bild um dieses Schweben der Struktur der Sprache als gute Beschreibung der Verwendung und Bedeutung von Sprache zu verstehen, ist seine Methapher von der mittelalterlichen Stadt für die Struktur der Sprache: Unsere Sprache kann man ansehen als eine alte Stadt: ein Gewinkel von Gäßchen und Plätzen, alten und neuen Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten: und dies umgeben von einer Menge Vororte mit geraden und regelmäßigen Straßen und einförmigen Häusern.Um diese Gässchen zu erkunden verwendet Wittgenstein (1953) Sprachspiele. D.h. er untersucht sehr genau wie Worte in der Lebenswirklichkeit verwendet werden. Diese sind immer eingebettet in ein größeres Umfeld. Er bezeichnet dieses Umfeld als Lebensform.
Bedeutung als Gebrauch – Meaning is Use Wittgensteins Beispiel in den Philosophischen Untersuchungen für so ein einfaches Sprachspiel, eingebettet in eine spezifische Umgebung (Lebensform), ist die Kommunikation zwischen zwei Maurern, von denen einer z.B. sagt: „Ziegel“ und der andere reicht ihm dann einen Ziegelbaustein. D.h. er betrachtet nun die Begriffe nicht mehr als Bilder der Wirklichkeit, sondern als Sprachwerkzeuge mit unterschiedlichsten Funktionen. Von der Sprache als Bild kommen wir zur Sprache als Werkzeug, das auf eine schlichte Formel gebracht, ,,meaning is use" heißt. Anders als im Tractat sieht er in den philosophischen Untersuchungen die Sprache in ihrer ganzen Komplexität, sodass bei seinen Untersuchungen nicht mehr nur Aussagensätze Beachtung finden, sondern die ganze Bandbreite an sogenannten Sprechakten, wie Austin und Searle (1983) sie später nennen werden. Gemeint sind damit Sprechhandlungen wie befehlen, beteuern, bereuen, beleidigen, anklagen usw.
Der therapeutische Ansatz in der Philosophie
Es steht auch nicht mehr die Wahrheit im Zentrum, sondern die Funktion, die Aufgabe, die das jeweilige Sprachspiel in der jeweiligen Lebensform hat. Indem er die Sprachspiele der Begriffe analysiert, kritisiert er philosophische Aussagen wie z.B. die von Descartes „ich denke also bin ich". Dies ist die Aussage, die Descartes sich als Antwort auf den Zweifel an seiner Existenz selber gibt.
Wittgenstein (1953) untersucht dabei das Sprachspiel des Zweifelns in der eigenen Sprache. Er kommt darauf, dass es einen ganz bestimmten Kontext braucht, damit etwas bezweifelt werden kann.Z.B. wenn ich bezweifle, dass ein Bekannter meiner Einladung folgt, dann muss ich Erfahrungen gemacht haben, dass er schon einmal nicht gekommen ist, oder seine Frau ihn nicht lässt oder was auch immer. Ich brauche jedoch einen Grund, um das zu bezweifeln.Wenn also Descartes an seiner Existenz zweifelt, braucht er einen Grund, und zwar einen besseren als den, dass ein Dämon ihm sein ganzes Leben nur vorgaukelt. Die Philosophie ist ein Mittel gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Sprache. Es ist die Aufgabe der Philosophie die metaphysische Ausdrucksweise in der Sprache, mit Hilfe der Untersuchung der Verwendungsweise der Begriffe in der normalen Sprache als falsch und überdehnt zu erkennen und deshalb aufzugeben.Und damit ist das Ziel seiner Philosophie ein therapeutisches, nämlich der Fliege den Ausgang aus dem Fliegenglas zu weisen.
Der Soziale Charakter der Bedeutung
Das große Problem, das wir mit unserer Sprache haben ist gemäß Wittgenstein (1953), dass wir die sprachlichen Begriffe anwenden können, ohne die Verwendungsweise der Begriffe zu übersehen.
Ein großer Teil der folgenden Sätze erläutert den Grund dafür und gibt die Folgen an, die diese Dunkelheit bezüglich der expliziten Kenntnis der Verwendung bedingt.
Indem wir uns einen Überblick über die Verwendungsweisen verschaffen, können wir unsere Lebensformen klären. Es ist natürlich immer noch denkbar, dass man die Verwendungsweisen von Begriffen in ihren Sprachspielen untersucht, um dann zwar nicht vom Bild auf Entsprechung in der Realität zu schließen, wie bei Wittgenstein im Tractat, sondern von der Verwendung zumindest eine Klärung der Lebensform zustande zu bringen, sodass man dann genauer weiß, worin man sich befindet.
Embodiment und Enaction – Die Verkörperung des Geistes
Dies führt zu einem weiteren Philosophen, nämlich George Lakoff (1980), der vor allem Metaphern ausgewertet hat, um diese Struktur unserer Lebensform besser zu begreifen. Er kam dabei auf den Begriff des Embodiment. Gemeint ist damit die Verkörperung des Geistes.
Lernen durch Handeln (Enaction) und Embodiment
Grundsätzlich können wir nicht bei jeden Begriff gleich seine Bedeutung vollständig sagen, obwohl wir ihn problemlos verwenden können. Das Problem liegt wohl an der Art wie wir die Begriffe lernen. Wenn Sie nun sagen müssten, wo liegen denn auf ihrer Schreibmaschine die Buchstaben für E B E I L (Liebe verkehrt herum). Dann werden Sie sagen, dass sie das nicht wissen. Wenn man ihnen dann sagt: legen Sie ihre Hände doch einmal so auf den Tisch, wie bei einer Schreibmaschine und schreiben Sie dann diese Buchstaben, dann werden ihre Finger diese Buchstaben sofort finden. Und so ähnlich lernt man eben auch die Sprache. Die entscheidenden Begriffe sind hier Embodiment und Enaction, d.h. die Bedeutung der Begriffe liegen nicht einfach in unserem Geist, sondern sie sind abhängig von der Umgebung und der Art, wie wir sie erlernt, sie uns erarbeitet, sie ertan (enaction) haben.
Die Abrufreize hängen mit diesem Erlernen der Begriffe zusammen.
Sprachliches Begreifen und körperliche Metaphern
Ein Beispiel für das Erarbeiten im Sinne von Enaction ist das begreifen einer Sache. Im konkreten Fall ist das z.B. ein Ertasten eines glänzenden kleinen Gegenstandes in der Handtasche, der sich kühl und zackig anfühlt, irgendwo ein Loch aufweist und sich letztendlich als Briefkastenschlüssel herausstellt, den wir schon lange gesucht haben. Während wir diesen Schlüssel erkunden, sind unsere Finger in ununterbrochener Bewegung, fühlen die Eckigkeit, Glätte des kühlen Gegenstandes bis in uns der Begriff Schlüssel auftaucht. D.h. das Begreifen ist ein aktiver Vorgang, der mit einer intensiven Tätigkeit verbunden ist; das Gleiche gilt für den Begriff im übertragenen Sinn. Deshalb können wir die Bedeutung eines Begriffes nicht gut beschreiben oder erläutern auch wenn wir ihn Perfekt verwenden können. Es handelt sich hier bei der Verwendung von Begriffen um ein komplexes Sprachhandeln, das man ebensowenig erklären kann, wie der gewitzte Ex-Fussball Profi Mario Basler einst in der Sportschau dem Sportmoderator erklären konnte, wie er seinen Fuß genau bewegt, wenn er von der Ecke kunstvoll ein Tor schießt. Inseiner Erklärungsnot nahm er einfach Anlauf und vollführte mit seinem Bein eine Schussbewegung und sagte dann:“ genauso mache ich das“.
Da dieses Erschließen der Welt nun tatsächlich eine sehr körperliche Angelegenheit ist, ist unser geistiges Begriffsinventar voller körperlicher Metaphern: sich geistig in eine Angelegenheit vertiefen, sie durchdringen, sie verstehen (hierhin und dorthin stehen, auch wo der andere steht) und natürlich begreifen.
Georg Lakoff und die Theorie des verkörperten Geistes
George Lakoff (1980) spricht vom verkörperten Geist. D.h. ein wichtiges Ergebnis in diesem Jahrhundert ist, dass sich zwar der Geist verkörpern lässt aber nicht naturalisieren, wie sich Francis Crick (1994) sich das mit seinen Neuronalen Korrelaten vorgestellt hat.
Um das Embodiment des Geistes zu verstehen, kann man sich die Sprachspiele von Seele und Geist ansehen. Und man findet, dass die Seele mehr mit Stimmungen und Gestimmtheit (Seiteninstrument) zu tun hat, während der Geist mehr mit Lichtmethapern beschrieben wird (Geistesblitz, heller Kopf, Erleuchtung). Weitere Beispiele für Verkörperung von Geist, Seele und Denken: Ein Problem bedrückt uns, wir versuchen es zu erfassen, zu durchdringen, zu begreifen.
Durch diese Möglichkeit der Erkundung der Lebensform über die Sprachspiele ,sind alle Bereiche über die man laut Tractat zu schweigen hatte, nun wieder salonfähig. Die sogenannte Philosophie der normalen Sprache macht es möglich. Dadurch kann man auch z.B. die Religion und die Ethik wieder ins Spiel bringen, um von den Verwendungen der Sprache in diesen Bereichen auf die Bedeutungen und die Art der Lebensformen zu schließen oder sie zumindest zu erhellen. Z.B. In religiösen Lebensformen werden wir mehr mit der Sprache des Herzens von sogenannten Seelsorgern konfrontiert sein, während die Ethik sich eher mit der Sprache des Verstandes von Philosophen besprechen lässt. Eine wichtige Anmerkung ist hier auch, dass unsere Voreingenommenheit gegenüber der Welt, natürlich in der Art, wie wir Sprache verwenden liegt, jetzt nicht unbedingt im Sapiro Worf`schen Sinn, sondern viel grundsätzlicher Weise über die Art wie wir leben als Menschen. Unvoreingenommen der Welt zu begegnen ist gewissermaßen unmöglich.
Abgrenzung zu den Tieren
Interessanter Weise grenzt Wittgenstein (1953) auch den Intellekt des Menschen von dem des Tieres ab, indem er zunächst auf die Lebensform verweist und sagt: selbst wenn ein Löwe sprechen könnte, wir würden ihn nicht verstehen.Noch spezifischer hat er die Fähigkeit zum Diskurs über Begriffe als Unterschied gesehen:Hierbei grenzt Wittgenstein (1953) den Menschen mit Hilfe unserer Fähigkeit zur diskursiven Kommunikation, zur Kommunikation über Begriffe mit komplexen Aspektwechsel von der Tierwelt ab:Sinngemäß sagt er bei der Betrachtung eines gezeichneten Dreiecks auf einem Blatt: Stelle dir vor, die Spitze des Dreiecks liege auf der rechten Seite, dann auf der linken Seite und schließlich zeige sie nach oben auf deinem Blatt.
Problem der Intentionalität, der Bedeutung von Lauten.
Bei dieser komplexen Verwendungsweise der Sprache kommt man unwillkürlich auch auf die Frage, wie geht das eigentlich, dass wir mit den Worten etwas meinen können, dass sie gewissermaßen auf etwas deuten. Und man hatte ja auch lange Zeit die Vorstellung wie Augustinus, dass man auf etwas deutet und dann gibt man ihm einen Namen, z.B: Tisch. Wenn man das Ding oder eine leichte Abwandlung davon wieder sieht, dann erkennt man es wieder und weiß, ach ja das ist ein Tisch. So dass man denkt, dieses Wort ist eine Art Etikett für das, was es da in der Welt gibt.Wittgenstein (1953) hat wie oben angedeutet schon darauf verwiesen, dass schon viel vorhanden sein muss, wenn man durch Zeigen auf etwas, etwas verstehen soll, da es sehr viele Aspekte gibt, die man meinen kann, wenn man auf etwas zeigt (Farbe, Form, Anzahl, abgegrenzter Körper, Bewegungsart usw.).
Gemeinsame Intentionalität
Es ist interessant, dass Kinder diese Zeigegeste selbst mit 11 Monaten anfangen, während bei anderen Primaten wie Schimpansen, Gorillas oder Orang Utans diese Geste nicht auftaucht, auch wenn gerade Orang Utans häufig von Menschen großgezogen werden, wie es in Südostasien häufig der Brauch ist.Der Primatenforscher Tomassello prägte in jüngster Zeit den Begriff der gemeinsamen Intentionalität für dieses Verhalten, das die Kinder vor allem mit Erwachsenen Teilen (11 Monate). Erst mit 3 Jahren teilen sie diese Intentionalität auch mit Gleichaltrigen. Hier wird also ein gemeinsamer Bezug zu der Welt erzeugt, indem die gemeinsame Verbindung von Lauten zu Gegenständen hergestellt wird, sodass Begriffe entstehen, die eine Bedeutung haben, die über eine soziale Interaktion (Konvention) erzeugt werden. Diese gemeinsame lntentionaltät ermöglicht eine Art des Regellernens für bestimmte Begriffe im Sinne eines abgerichtet werdens auf die Bedeutung eines Begriffes, ohne dass wir diese Bedeutung bewusst lernen. Hier taucht zum ersten Mal wieder der Begriff der Intentionalität auf, der so wichtig bei Brentano (1874) und Husserl (1913) war und von Searle (1983) wieder aufgegriffen und besonders hervorgehoben wurde. Dahinter steckt bei diesen Personen die Vorstellung, dass es sich um eine Art geistigen Vorgang nämlich das Meinen handelt, d.h. geistig auf die Bedeutung eines Wortes zeigen.Wittgenstein (1953) hält das Erlernen der Bedeutung jedoch eher für einen sozialen Akt und stellt es als eine Art, der Abrichtung dar. Er wendet sich gegen diesen Intentionalitätsbegriff von Searl, der eine Art geistiges Deuten beinhaltet.
Privatsprachenargument
Wittgenstein verwendet zur Veranschaulichung, dass es keine bildliche private Sprache gibt, worauf die Searle (1983)`sche Vorstellung über die Intentionalität deutet, das Käferbeispiel. Er sagt, wenn wir miteinander reden mit Worten, dann sind diese Worte wie Schachteln, auf denen Namen stehen, aber der Inhalt der Schachteln (der Käfer) muss notwendigerweise für die anderen im Verborgenen bleiben. Er führt das in seinem Privatsprachenargument auch noch weiter aus. Er verweist darauf, dass einer, der ein neues Wort, das erlernt wird, indem eine Verbindung zu einem Gegenstand hergestellt wird, erfordern würde, diesen Gegenstand im Geiste mit einem anderen Gegenstand vergleichen zu können, um ihn wiedererkennen zu können, was eben unmöglich ist. (Dies ist ein vieldiskutierter Zusammenhang, den man in den philosophischen Untersuchungen genau anschauen kann)
Wittgenstein (1953) sieht das Erlernen der Begriffe als eine Form des Abgerichtet-Werdens an. Er versucht dies deutlich zu machen z.B. bei dem Begriff des Hoffens, bei dem man nicht sagen kann, ob es ein Gefühl des Hoffens gibt, oder auch nicht sagt: jetzt hofft er gerade wieder. Die Bedeutung liegt hier ganz in der Pragmatik des Sprechhandelns, im Intersubjektiven Sprechhandeln.
Neurobiologische und kognitive Aspekte
Verknüpfung des Denkens mit einer physikalisch-biologischen Hardware. Leider ist dieser Versuch noch in keiner Weise geglückt, sondern wird in der Cognitiven Psychologie nur versucht. Eine wichtige Untersuchung des Denkens und des Bewusstseins hat einen völlig anderen Ursprung, nämlich die Untersuchung der elektrischen Signale, die zusammen mit dem Denken auftauchen und viele Neurowissenschaftler für die Ursache des Denkens halten. Diese Denkweise hängt zusammen mit der kognitiven Wende, die ein Konglomerat aus Neurobiologie, Computerscience und Verhaltensforschung ist. Das geht sogar soweit, dass unsere Computer viele als ein Modell für das Gehirn ansehen. ,,Are we brains in a vat" fragt 1982 der amerikanische Philosoph Hillary Putnam (1982). Sind wir Gehirne in einer Schüssel, die von einem Supercomputer ihre elektrischen Signale empfangen und dadurch die Welt erleben, wie das auch in dem bekannten Film „die Matrix" in etwas abgewandelter Weise dargestellt wird.Leider steckt das Modell in einer Sackgasse, da man bis heute keine Ahnung hat, wie das Erleben oder Bewußtsein mit der materiellen Komponente Zusammenhängt.
Ein wesentlicher Punkt dabei ist, dass ein Abbild von der Welt haben, noch kein Erleben der Welt ist. Ein Photo oder ein Film erlebt nämlich gar nichts, es ist nötig, dass wir darauf schauen und die Welt wahrnehmen. D.h. uns elektrische Signale zu schicken, die dann ein schönes Landschaftsbild irgendwo in unserem Gehirn ergeben, ist sinnlos. D.h. das Projekt Artifizielle Intelligenz, das man in der sogenannten Cognitionsforschung voranbringen wollte, ist in Bezug auf die Simulation des Bewusstseins durch Computer gescheitert. Die dabei beteiligte Neurobiologie und Informatik wird jedoch immer noch sehr stark gefördert und bringt auch durchaus Ergebnisse. Z.B. kann man Cochlea Implantate machen oder auch auf der Retina Implantate einsetzen, sodass ein Hören oder Sehen verbessert wird. Außerdem hat man bei Epilepsie und Tinitus erkannt, dass eine zu starke Synchronisierung der Gehirnwellen ein Problem darstellt, das man jedoch therapeutisch lösen kann, in dem man diese Synchronisation aufzulösen versucht. Interessant sind natürlich auch die Auswirkungen der verschiedensten chemischen Stoffe (LSD, Meskalin, Opium usw) auf unser Bewußtsein. gibt, die ein wenig Hoffnung machen (wie die Pax-Gene).
Elementarsätze, Inferentialismus und Hegels Dialektik
Für Wittgenstein (1953) war die große Frage bei der Bearbeitung des Tractatus logico philosophicus, ob es sogenannte unabhängige Elementarsätze gibt. Denn deren Auffinden wäre eigentlich nötig gewesen, wenn die Analyse der Welt mit Hilfe des logischen Atomismus (Bezeichnung von Bertrand Russel) grundsätzlich möglich wäre. Die komplexe Abhängigkeit der Begriffe macht eine einfache Analyse unmöglich. Ebenso wenig wie man Elementarsätze in der Sprache finden konnte, konnte man Neuronale Korrelate in der Cognitiven Psychologie genau bestimmten Bewußtseinszuständen zuordnen. Wahrscheinlich auf Grund der hohen Konnektivität des Gehirns.Die Philosophie hat sich damit abgefunden, dass es diese Unabhängigkeit nicht gibt, sondern dass die Begriffe In enger Weise vernetzt sind und zusammenhängen ( Inferentialismus).
Hegel (1807) hat sich in seiner Logik intensiv damit beschäftigt. Z.B. leitet Kupfer den Strom besser als Aluminium. Es ist weicher und hat eine andere Farbe. Wenn zwei Chemiker miteinander sprechen gehen sie davon aus, dass der Gesprächspartner diese genaue Bedeutung kennt. Diese Kenntnis ist bei Laien nicht vorausgesetzt. In der Dialektik der Sprache ergibt sich jedoch dieses Wissen, wenn die Bedeutung vom An Sich zum Für Sich und dann zum An und Für Sich über geht. Erläuterung dieses Vorgangs, den Hegel (1807) in seiner Logik genau beschrieben hat:Ein großes Problem in der Erzeugung eines künstlichen Bewusstseins bei Computer, ist unser enormes Weltwissen, das wir besitzen müssen, um uns zu unterhalten. Denn wenn wir z.B. das Wort Feder hören, dann werden wir erst nachfragen: meinst du eine Metallfeder oder eine Vogelfeder. Denn bei einer Vogelfeder wissen wir sofort, sie hat eine bestimmte Form, ein bestimmtes Aussehen, eine bestimmte Biegsamkeit und auch wenn wir sie loslassen, wissen wir, dass sie langsam nach unten segelt. Ganz andere Eigenschaften finden wir bei der Metallfeder, sie ist meist spiralig, glänzt und besteht aus Metall. D.h. jedes Wort hat in einem bestimmten Kontext seine Bedeutung, die sich in dieser Vernetzung mit anderen Begriffen zeigt. Jeder Verwender dieser Begriffe spielt nun ein Spiel für das er Verantwortung übernehmen muss, die Begriffe so zu verwenden, wie er ihre Verwendung kennt. Das wird nicht immer eindeutig sein, aber in dem er es mit anderen Begriffen abgleicht, ergibt sich eine gewisse Erhellung seiner Bedeutung, die man so nicht einfach in seinem Bewusstsein vorgefunden hätte. Z.B. wenn wir das Wort Aluminium verwenden ist damit ein Begriff verbunden, der sich deutlich von dem von Kupfer unterscheidet. Z.B. leitet Kupfer den Strom viel besser und es lässt sich nicht so leicht oxidieren. Wenn wir das so herausarbeiten, dann sagt Robert Brandom (1994), einer der bedeutendsten Philosophen im Einundzwanzigsten Jahrhundert, dass wir nun Eigenschaften explizit gemacht haben. D.h. Sie aus der impliziten Kenntnis in der Verwendung in die explizite Form gebracht haben. Brandom (1994) interpretiert hier die Hegelsche Logik als Dialektik so, dass wir dabei einen Begriff der Ansich vorhanden ist indem wir ihn in Beziehung bringen mit einem Begriff Für Uns, in einen Begriff umwandeln der An- und Für sich existiert. D.h. einen Begriff von der impliziten Form in die explizite bringen. Die Sprachbildung ist für Brandom (1994) ein Prozess, der ständig in dieser dialektischen Form abläuft.Nun gibt es die Möglichkeit, dass wir die Begriffe der Vernunft, des Verstandes und des Bewusstseins in ähnlich dialektischer Weise explizit machen indem wir uns ansehen, wie die Spezialisten auf diesen Gebieten, nämlich die Philosophen wie Kant (1781/1787) und Hegel (1807), diese Begriffe verwenden und inwiefern diese Verwendungsweisen eine innere Konsistenz oder Widerspruchlosigkeit aufweisen und inwiefern wir diese Begriffe korrigieren müssen und wieder mit den anderen Begriffen abgleichen müssen, um zu einer konsistenten, Weltsicht zu kommen. Nun ist das bei diesen Metabegriffen eine sehr schwierige Arbeit. Wittgenstein (1953) ist hier eher skeptisch und glaubt, dass bei diesen Metabegriffen, die Sprache eher feiert, weil die Leitplanken der Realität eher bigsamer sind als z.B. bei Ernährungsbegriffen.
Die Familienähnlichkeit der Begriffe
Ein weiterer Begriff von Wittgenstein (1953) ist die Familienähnlichkeit von Begriffen. Er bringt als Beispiel den Begriff des Spiels, dessen verschiedenste Mitglieder der Tätigkeiten, die man als Spiele bezeichnet, wie Familienmitglieder zueinander stehen. Er hat die Nase von der Mama aber gehen tut er wie der Papa. Das gleiche gilt eben für Begriffe: Geduld braucht man bei dem Kartenspiel Rommy ebenso wie beim Legen von Patiencen, man spielt jedoch bei Rommy gegen andere wie beim Fussballspiel. Diese Familienähnlichkeit spricht auch gegen eine Wesenphilosophie des Bewusstseins, bei der man mit Hilfe des Geistes auf alle möglichen Tische, die eben das typische eines Tisches in sich tragen, vom Bewusstsein her ausgerichtet ist. Auf das zentrale Element des Erlebens, sich irgendwie zu fühlen, die Welt bewusst zu empfinden, das David Chalmers (1995) als das „hard Problem of consciousness“ 1995 bezeichnete, wird hier nicht näher eingegangen, da es zwar den Menschen ausmacht, aber bisher kein näherer Zugang vorhanden ist, außer dass es gewissermaßen das Wasser ist, indem wir als Fische schwimmen. Der Zusammenhang mit der Biologie kann vielleicht noch am besten in den verschiedenen Narkosemitteln gesehen werden. Michael Levin (2021) mit seiner Theorie der bioelektrischen Isolation finde ich dabei noch am überzeugendsten.
Esoterischer Teil-Sprache und Bewußtsein bei Steiner und SchillerDer Menschheitsrepresentant – Zwischen Ahriman und LuziferD.h. Die Gestaltung des Menschheitsrepräsentanten von Steiner (1894), als Wesen in der Auseinandersetzung zwischen Ahriman (unbewußte Mechanisierung) und Lucifer (bewußtes Erleben) ist äußerst treffend für das, was in unserem Zeitalter abläuft.
Sprachrhythmus und Lauterfahrung
Rudolf Steiner (1894) hat sehr stark das bewusste Erleben der Sprache gefördert, gerade im Sprechen seiner Sprüche, die mandala-artigen Charakter haben, indem die Laute in uns Dinge anklingen lassen, die in den Lauten liegen z.B. in dem umhüllenden Charakter des „B" wie in Berg, Buch oder Busen, sodass die Schüler im Rezitieren von Gedichten diesen in den Lauten liegenden Charakter direkt erleben können.
Lemniskatische BedeutungsbewegungenDie Erfahrung der Sprache geht bei Rudolf Steiners Gedichten noch weiter, so dass wir dort eben auch den Raum Erleben, indem nach Ludwig Wittgensteins goetheanistischer Beschreibung, die Sprache schwebt. Ich denke dabei an chiastische Sprachstrukturen, die sich zum Beispiel in vielen Steiner (1894) und Goethe (1790/1823)-Gedichten finden lassen, wie z.B. schau in dich und du findest die Welt und schau in die Welt und du findest dich. Dies sind lemniskatische Bedeutungsbewegungen wie man sie z.B. bei Friedrich Schiller (1795) in seinen ästhetischen Briefen findet, und sie sich dort paradigmatisch in folgender Satzstruktur ausdrücken: ,,Die Form, die den Stoff verzehrt und der Stoff der die Form erfüllt" Das sind Erlebnisse in denen die Form mit dem Stoff verschmilzt und der Stoff mit der Form, sodass sich daraus eine Einheit Ergibt, die Schiller (1795) als ästhetischen Zustand bezeichnet. Ein weiteres Beispiel: nur dort ist der Mensch ein Mensch wo er spielt, und er spielt nur dort wo er ganz Mensch ist. Sodass der Erkennende sich im Erkannten findet und das Erkannte im Erkennenden auftaucht. Wenn also der Schüler in seiner ganzen Persönlichkeit sich ins Experiment vertieft, dann taucht das Experiment in ihm auf und er hat es erlebt und begriffen. Dies wird im Appolon Tempel zu Delfi in seiner höchsten Form der Ich-Erfahrung im Gnoti se auton (erkenne dich selbst) schon gefordert.Der ästhetische Zustand als Einheit von Denken und ErlebenIm Steiner (1894)`-Schillerschen ästhetischen Zustand erlebt gemäß Rudolf Steiner (1894) der Mensch dann dieses Denken und wird im ICH-Prozess mit ihm Eins.
Zitat Aristoteles (ca. 350 v. Chr.): Unser Denken ist im besten Fall so beschaffen, dass es sich selber denkt. Sich selber denkt er also, wenn er das Beste ist, und das Denken ist dann das Denken des Denkens.
Verbesserungen: Willfrid Sellars (1956) Mythos des Gegebenen noch stärker einarbeiten in Zusammenhang mit dem Inferentialismus Brandoms. Holismus der Bedeutung vom Sprachkörper.
Literaturverzeichnis
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3. Teil
Über eine Form der Religion,
die durch Wittgenstein philosophisch möglich wurde und der Goetheschen Religion nahe kommt: "Wer Wissenschaft und Kunst besitzt der hat auch Religion".
Momentan im Projektstatus.
Rilke und die Religion
Kurze Einführung:
Spiritualität Rilkes im Lichte der Philosophie Wittgensteins und der Esoterik Steiners.
Die Religion speist ihre Grundlage aus den verschiedensten Bewußtseinsbereichen.
Die Aufteilung der Phänomenologie des Bewußtseins neben dem Wachbewußtsein in den Bereich des Traumes und anderen singulären Erlebniswelten wie Halluzinationen, Luciden Träumen, Hypnose, medialen Erlebnissen, Todesnäheerlebnissen oder chemisch ausgelösten Wahrnehmungsänderungen(LSD und magic mushrooms) ermöglicht eine bessere Differenzierung der Erlebniswelten. Viele singuläre Erlebniswelten werden erst nach dem Aufwachen als solche erkannt. Bei luciden Träumen und meist auch bei Hypnose ist die Traumartigkeit des Zustands bewusst. Trotzdem gibt es in diesen Welten keinen Ort, den man ausmachen könnte, um sich zu treffen, wie in der Welt des Wachbewußtseins.
In der Esoterik und Religion werden Annahmen über ein körperloses Weiterleben nach dem Tod und vor einer neuen Geburt gemacht. Darin unterscheiden sich Religion und Esoterik von der empirischen Wissenschaft. Auch magische Umwandlungen wie z.B . Wasser in Wein sind möglich in der christlichen Religion, Jesus wandelt über das Wasser, er steht von den Toten auf (Auferstehungsglaube). Der Glaube an die Magie der Vorgänge wird umso stärker je absurder der geglaubte Zusammenhang ist (Kierkegaard). Diese Zusammenhänge sind mit der empirischen Wissenschaft nicht in Übereinstimmung zu bringen, jedoch mit geistigen Vorgängen im ätherischen und astralen Bereich im Sinne von Rudolf Steiner. Die Auferstehung von Christus findet nämlich laut Rudolf Steiner im Ätherischen statt, nicht im physischen Bereich. Im astralen Bereich erlebt die Seele die Macht des Willens und des Verlangens, des Hasses und der Liebe. Nur im Ich tritt die Bewußseinsseele auf, hier erscheint die Welt als Phänomen des Bewußtseins. Nichts ist innen, nichts ist außen, denn was innen ist, ist außen ( Goethe). Diese ätherischen und astralen Räume hat Rudolf Steiner der Phänomenologie der Geistseele als verkörperten Prozess zugänglich gemacht.
In der Balance der Widersachermächte Lucifer und Ahriman liegt die zentrale Aufgabe der Bewußtseinsseele nach Rudolf Steiner. Lucifer ist dabei derjenige der sein Ich im Zentrum des Wollens hat, während Ahriman mit kausalen Gesetzen den Menschen bestimmt.
Zur Entwicklung des Menschen gehört auch das Ansichtigwerden des Doppelgängers, den man mit dem Schatten bei Jung vergleichen kann. Das Sehen des Doppelgängers, des 1. Hüters der Schwelle, ermöglicht das Christuswesen, das das Gewissen in uns schärft.
Diese Interpretationen Steiners von bestimmten Zuständen sind möglich, aber nicht notwendig. Sie sind abhängig von der Lebensform, insgesamt aber nicht widersprüchlich zur experimentellen Wissenschaft. Was im ätherischen oder astralen Bereich abläuft, darüber sagt die Wissenschaft nichts. Die Wunder Christi sind widersprüchlich zur empirischen Wissenschaft, aber sie sind durchaus Teil einer gewachsenen Lebensform, wie z.B. der katholischen.
Nun haben sich aber Lebensformen entwickelt, wo die Empfindungen der Menschen über Methaphern vermittelt werden, sodass ein Engelwesen nicht in einer anderen Welt vorkommen muss, sondern ein Gefühl beschreibt, das man z.B. in der Natur haben kann und wie es Rilke oder auch Goethe beschreibt (des Menschen Seele gleicht dem Wasser). Rainer Maria Rilke war ein Dichter, dessen Werk oft von spirituellen und religiösen Themen durchzogen ist, obwohl er selbst nie einer traditionellen religiösen Praxis folgte.´
Ab hier handelt es sich um eine KI unterstützte Materialsammlung, die ich bereinigt habe von Formulierungen, die mir mißfielen:
Rilkes Religiosität
Rilkes Religiösität kann als eine Art persönliche, nichtinstitutionelle Spiritualität verstanden werden, die stark von einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben, dem Tod und der Kunst geprägt ist.
Einige wichtige Aspekte von Rilkes Religiösität:
1. Existenzielle Fragen und das Unaussprechliche: Rilke setzte sich intensiv mit den großen Fragen des Lebens auseinander, insbesondere mit der Frage nach dem Sinn, dem Tod und dem Unendlichen. Seine Gedichte sind oft von einer tiefen Sehnsucht nach dem Unaussprechlichen und Transzendenten geprägt, was ihm eine religiöse Dimension verleiht. In seinem Werk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ findet man zahlreiche Stellen, in denen der Protagonist über das Leben, die Sterblichkeit und das Streben nach etwas Höherem nachdenkt.
2. Das Göttliche als Erfahrung: Rilke war eher ein „Suchender“ als ein Gläubiger im traditionellen Sinne. Für ihn war das Göttliche etwas, das nicht durch dogmatische Religionssysteme erklärt werden konnte, sondern durch direkte Erfahrung und tiefes inneres Erleben. Er sah das Göttliche oft in der Natur, im Kunstwerk und im Menschlichen, eher als etwas, das im Inneren des Einzelnen erlebt wird, als in einem äußeren, traditionellen Rahmen.
3. Die Kunst als religiöse Praxis: Rilke betrachtete die Kunst als eine Möglichkeit, sich dem Göttlichen zu nähern. In seinen Briefen an einen jungen Dichter (1903) betont er, wie wichtig es ist, in der Kunst eine Art transzendente Erfahrung zu suchen. Die Schöpfung von Kunst war für ihn eine Möglichkeit, den „höchsten“ Teil der menschlichen Erfahrung zu erreichen, ähnlich wie es in religiösen Traditionen der Fall ist.
4. Einfluss von mystischer Philosophie und Christentum: Rilkes Werk zeigt starke Einflüsse aus der mystischen Tradition, insbesondere aus den Schriften von Dichtern und Philosophen wie Meister Eckhart, Angelus Silesius und den katholischen Mystikern des Mittelalters. Er beschäftigte sich auch mit christlichen Themen, allerdings ohne in traditionellen religiösen Praktiken oder Dogmen zu verfallen. Das christliche Symbolismus taucht in seinem Werk immer wieder auf, aber meist in einer sehr freien, teilweise auch persönlichen Interpretation.
5. Der „Engel“ als religiöses Motiv: Ein zentrales Motiv in Rilkes Werk ist der Engel, der als ein Symbol des Überirdischen und des Transzendentalen verstanden werden kann. Besonders in seinem berühmten Gedicht „Der Engel“ wird die Idee eines übermenschlichen Wesens vorgestellt, das eine Verbindung zum Unendlichen darstellt.
6. Sein Verhältnis zu Gott: Rilke stellte sich Gott nicht als eine greifbare, persönliche Figur vor, sondern als ein transzendentes, unbegreifliches Wesen, das nur durch das Streben des Menschen nach dem Höheren verstanden werden kann. In seinem Gedicht „Du musst dein Leben ändern“ fordert er den Leser dazu auf, das Leben aktiv zu gestalten und sich dem Unbekannten, dem Göttlichen, zuzuwenden.
Rilkes Religion ist daher weniger eine Religion im traditionellen Sinn als vielmehr eine innere, persönliche Auseinandersetzung mit dem Unendlichen und dem Göttlichen. Seine Werke können als eine Suche nach einer tieferen Wahrheit und einer Verbindung zum Universum und zum Göttlichen verstanden werden, ohne dabei konkrete religiöse Normen oder Dogmen zu vertreten.
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten wohl nicht ganz vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, den uralten Turm
Nun schon seit tausend Jahren,
und ich weiß noch immer nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang
Rainer Maria Rilke
Ludwig Wittgensteins Religiosität:
(Wittgensteins Entwicklung einer Form von Religiiosität ist hier ähnlich zentral für diesen Aufsatz: Rilkes Religion, wie Rilke)
Ludwig Wittgensteins Religiosität ist eigentümlich, tief und zugleich schwer fassbar. Sie entzieht sich bewusst theologischen Systemen und dogmatischen Festlegungen. Um sie darzustellen, muss man seine Philosophie, seine Lebenshaltung und seine Sprache zusammendenken.
1. Religiosität ohne Theologie
Wittgenstein war kein religiöser Denker im kirchlichen oder dogmatischen Sinn. Er entwickelte keine Theologie und versuchte nie, den Glauben rational zu begründen. Im Gegenteil:
Er misstraute allen Versuchen, Religion in Lehrsätze, Beweise oder metaphysische Erklärungen zu überführen.
Religion ist für ihn keine Theorie über die Welt, sondern eine Haltung zum Leben.
„Der Glaube an Gott ist kein Für-wahr-Halten einer Theorie.“
(sinngemäß aus den Vermischten Bemerkungen)
2. Das Unsagbare und das Mystische
Bereits im Tractatus logico-philosophicus ist seine Religiosität deutlich spürbar. Dort unterscheidet er streng zwischen dem, was gesagt werden kann, und dem, was sich nur zeigt.
„Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“
(Tractatus 6.522)
Für für den frühen Wittgenstein (I.) gehören Ethik, Religion und Sinn des Lebens zu diesem Bereich des Unsagbaren.
Gott ist kein Gegenstand in der Welt – daher kann man über ihn nicht sinnvoll sprechen wie über Dinge oder Tatsachen.
3. Gott als Sinn der Welt
Im Tractatus schreibt Wittgenstein:
„Der Sinn der Welt muss außerhalb ihrer liegen.“
(6.41)
Gott ist für ihn nicht Teil der Weltordnung, sondern steht für den Sinn der Welt als Ganzer.
Religiosität bedeutet hier: die Welt als gegeben anzunehmen, nicht zu erklären, sondern ehrfürchtig zu bejahen.
Diese Haltung ist zutiefst existenziell, nicht spekulativ.
4. Religion als Lebensform
In seinem späteren Denken (Philosophische Untersuchungen) beschreibt Wittgenstein Religion nicht mehr im Rahmen des Mystischen, sondern als Lebensform.
Religiöser Glaube ist:
- kein Wissen,
- keine Hypothese,
- kein Irrtum, der korrigiert werden könnte,
sondern eine Praxis, ein Sprechen und Handeln innerhalb eines bestimmten Lebenszusammenhangs.
„Ein religiöser Glaube ist etwas wie ein leidenschaftliches Sich-Festlegen auf ein Bild.“
(Vermischte Bemerkungen)
5. Christentum und Schuld
Wittgenstein fühlte sich besonders vom Christentum angezogen, allerdings nicht in seiner dogmatischen Gestalt, sondern in seiner ethischen Radikalität.
Zentrale Motive:
- Schuld
- Erlösung
- Demut
- Umkehr des Lebens
Er las intensiv Kierkegaard, Tolstoi und das Neue Testament.
Christus war für ihn kein metaphysisches Wesen, sondern eine existenzielle Gestalt, die das Leben fordert und richtet.
6. Glaube als Kampf
Wittgensteins Religiosität war kein ruhiger Besitz, sondern ein innerer Kampf.
Er zweifelte, rang, verzweifelte – und hielt dennoch fest.
„Beten ist Denken über den Sinn des Lebens.“
(Vermischte Bemerkungen)
Der Glaube ist für ihn kein Trost im oberflächlichen Sinn, sondern eine erschütternde Forderung an das eigene Leben.
7. Zusammenfassung
Wittgensteins Religiosität ist:
- nicht-dogmatisch
- nicht-theoretisch
- tief existenziell
- ethisch radikal
- sprachlich zurückhaltend
- von Ehrfurcht vor dem Unsagbaren geprägt
Religion bedeutet für ihn nicht, etwas über Gott zu wissen, sondern anders zu leben.
Nicht über Gott reden – sondern vor ihm leben.
Goethes Religiosität:
Auch bei Goethe gilt: Seine Religiosität ist keine Lehre, sondern eine Welthaltung – sinnlich, naturverbunden, weit, ohne Dogma.
1. Keine kirchliche Frömmigkeit
Goethe war kein orthodoxer Christ.
Er stand kirchlichen Dogmen, Bekenntnissen und theologischen Systemen skeptisch gegenüber. Das Christentum interessierte ihn mehr als kulturelle Gestalt und ethischer Impuls denn als Offenbarungsreligion.
Er misstraute allem Glauben, der:
- die Natur abwertet
- das Leben verneint
- Schuld und Jenseitshoffnung in den Mittelpunkt stellt
2. Gott in der Natur – nicht über ihr
Goethes Religiosität ist immanent, sehr ähnliche Gedanken wie bei Baruch Spinoza:
Das Göttliche wirkt in der Welt, nicht jenseits von ihr.
Berühmt ist sein pantheistischer Grundzug, nahe bei Spinoza:
„Was wär’ ein Gott, der nur von außen stieße…“
Für Goethe ist Gott:
- die lebendige Ordnung der Natur
- das schaffende Gesetz im Wandel
- die Einheit von Form und Kraft
Nicht ein personaler Herrscher, sondern lebendige Gegenwart.
3. Anschauung statt Offenbarung
Goethe glaubt nicht durch Offenbarung, sondern durch Anschauung.
Die Natur wird zum „heiligen Buch“:
- Wer genau hinsieht, erkennt Sinn
- Wer gestaltet, tritt in Beziehung zum Göttlichen
- Kunst und Wissenschaft sind Formen der Frömmigkeit
Darum ist sein Forschen (Farbenlehre, Morphologie) selbst ein religiöser Akt.
4. Lebensbejahung als religiöse Haltung
Im Zentrum steht nicht Erlösung, sondern Bejahung des Daseins.
Religiös ist für Goethe:
- Maß
- Bildung
- Harmonie
- Entfaltung der Kräfte
Der Mensch soll nicht entkommen, sondern sich vollenden.
Im Faust wird dies exemplarisch:
Fausts Irrtum ist nicht das Streben, sondern die Maßlosigkeit ohne Form. Erlösung geschieht durch tätiges Leben, nicht durch Glaubenssätze.
5. Ehrfurcht statt Demut
Goethes Grundgefühl ist Ehrfurcht, nicht Unterwerfung.
Er spricht von der „Ehrfurcht vor dem Höheren“, die sich steigert:
- Ehrfurcht vor dem, was über uns ist
- Ehrfurcht vor dem, was uns gleich ist
- Ehrfurcht vor dem, was unter uns ist
Religiosität wird so zur Haltung der Achtung gegenüber allem Lebendigen.
6. Zusammenfassung in einem Bild
Goethes Religiosität ist wie ein Gehen im Garten der Welt:
nicht kniend,
nicht befehlend,
sondern betrachtend, gestaltend, dankbar.
Oder in einem Satz:
Goethe glaubte nicht an einen Gott außerhalb der Welt –
er glaubte an die Göttlichkeit der Welt selbst.
Rudolf Steiners Religiosität
Rudolf Steiners Religiosität ist weder kirchlich noch bloß philosophisch, sondern esoterisch-geistwissenschaftlich: ein bewusster Versuch, das Religiöse erkennend zu durchdringen und lebenspraktisch zu gestalten.
1. Abkehr vom bloßen Glauben
Steiner verstand Religiosität nicht als Für-wahr-Halten von Dogmen.
Glaube ohne Erkenntnis war ihm unzureichend.
Sein Grundanliegen:
Das Geistige soll nicht geglaubt, sondern erfahren und erkannt werden.
Religiosität wird damit:
- ein Weg der Selbsterkenntnis
- eine Schulung von Denken, Fühlen und Wollen
- ein innerer Entwicklungsprozess
2. Geistige Welt als reale Wirklichkeit
Für Steiner ist die sinnliche Welt nicht die ganze Wirklichkeit.
Hinter ihr wirkt eine geistige Welt, ebenso real wie die physische.
Religiös ist:
- das Wissen um diese geistigen Ebenen
- die bewusste Beziehung zu ihnen
- das Verantwortungsgefühl gegenüber kosmischen Zusammenhängen
Der Mensch ist dabei nicht Zuschauer, sondern Mitwirkender im Weltgeschehen. Zitat sinngemäß: Gott hat sich in die Welt ausgegossen, er treibt sie von Innen. Der Wille von Gott ist identisch mit dem Willen des individuellen Menschen. Was der Mensch will, ist Gotttes Wille (Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (mit besonderer Rücksicht auf Schiller)). Wie schon bei Goethe ist hier wieder Spinoza wahrzunehmen.
3. Christus als kosmisches Ereignis
Im Zentrum von Steiners Religiosität steht Christus, jedoch in radikal neuer Deutung.
Christus ist für ihn:
- kein bloß historischer Religionsstifter
- kein Objekt kirchlichen Glaubens
- sondern ein kosmisches Wesen
Das „Mysterium von Golgatha“ ist für Steiner ein Wendepunkt der Weltentwicklung, durch den:
- das Geistige in die Erde eingezogen ist
- der Mensch Freiheit und Ich-Bewusstsein gewinnen konnte
Christentum wird so zur Welten- und Menschheitslehre, nicht zur Konfession.
4. Freiheit als religiöser Kern
Steiners frühes Hauptwerk Die Philosophie der Freiheit zeigt:
Religiosität ohne Freiheit ist wertlos.
Wahrhaft religiös ist nur, wer:
- aus innerer Einsicht handelt
- nicht aus Gehorsam
- nicht aus Angst vor Strafe oder Hoffnung auf Lohn
Moralische Intuition ersetzt das äußere Gebot.
Der religiöse Mensch wird mündig.
Man denke an Schiller:
Wage deine Kopf an den Gedanken, den noch keiner dachte
Wage deinen Schritt auf die Straße, die noch niemand ging
Auf dass der Mensch sich selber schaffe und nicht gemacht werde durch irgendwen oder irgendwas
5. Reinkarnation und Karma
Ein zentraler Bestandteil von Steiners Religiosität ist die Vorstellung von:
- Wiederverkörperung
- Karma als geistiges Gesetz der Verantwortung
Das Leben erhält dadurch:
- Tiefe
- Sinn
- biografische Kontinuität über den Tod hinaus
Religiös ist hier nicht Trost, sondern Ernst:
Der Mensch trägt Verantwortung über Lebensgrenzen hinweg.
Hier finden wir eine starke Integration buddistischen Gedankenguts
6. Kultus, Kunst und Alltag
Steiner wollte Religiosität nicht ins Private verbannen.
Daher:
- neue Kultusformen (Christengemeinschaft)
- spirituell durchdrungene Pädagogik (Waldorf)
- Kunst, Architektur und Sprache als religiöse Ausdrucksformen
Das Religiöse soll in den Alltag einziehen, ohne Dogma, ohne Zwang.
7. Zusammenfassung in einem Bild
Steiners Religiosität gleicht einem bewussten Aufstieg:
nicht kniend,
nicht blind,
sondern wach, übend, verantwortend.
Oder in einem Satz:
Rudolf Steiner verstand Religiosität als Erkenntnisweg des Menschen zum Geistigen,
getragen von Freiheit, Verantwortung und kosmischem Bewusstsein.
Martin Heideggers Religiosität:
Heideggers Religiosität ist indirekt, gebrochen und zurückgenommen – sie erscheint nicht als Glaube, sondern als Frage nach dem Heiligen, nach dem, was dem Menschen voraus- und ihn angeht.
1. Bruch mit der Theologie
Martin Heidegger begann als katholischer Theologe.
Doch er löste sich bewusst von der kirchlichen Dogmatik.
Er wendet sich gegen:
- Gott als „höchstes Seiendes“
- Metaphysik als Gottesbeweis-Maschine
- Theologie, die das Geheimnis begrifflich fixiert
Der berühmte Satz bringt es auf den Punkt:
„Das Sein ist nicht Gott, aber Gott ist nicht ohne das Sein.“
2. Das Heilige vor dem Gott
Heidegger fragt nicht zuerst nach Gott, sondern nach dem Sein.
Und noch tiefer: nach dem Heiligen.
Er schreibt sinngemäß:
Erst wenn das Heilige erfahren wird, kann sich Gott zeigen.
Religiosität bedeutet hier:
- Offenheit für das Unverfügbare
- Bereitschaft zum Hören
- Lassen statt Machen
Nicht Glauben, sondern Empfänglichkeit.
3. Schweigen statt Bekenntnis
Heidegger misstraut religiöser Sprache.
Das Entscheidende entzieht sich dem Reden. Trotzdem betont er immer wieder:
„Die Sprache ist das Haus des Seins.“
Doch dieses Haus ist dünnwandig:
Im Schweigen, im Gedicht, im Lauschen zeigt sich mehr als im Begriff.
Darum wendet sich Heidegger spät der Dichtung zu – besonders Hölderlin –, um das Religiöse anzudeuten, nicht zu erklären.
4. Erwartung des „letzten Gottes“
In den Beiträgen zur Philosophie spricht Heidegger rätselhaft vom „letzten Gott“.
Das ist:
- kein Gott der Religionen
- kein Heilsbringer
- kein Objekt der Anbetung
Sondern ein Ereignis:
- ein möglicher Anbruch von Sinn
- eine geschichtliche Wende
- etwas, das nur im Warten, nicht im Erzwingen kommt
Religiosität wird zur Wachsamkeit für das Kommende.
5. Entsprechung statt Moral
Heidegger ersetzt religiöse Moral durch Entsprechung:
Der Mensch soll nicht gehorchen, sondern antworten auf den Ruf des Seins.
Schuld ist nicht moralisch, sondern ontologisch:
das Verfehlen der eigenen Möglichkeit, die Verfallenheit an das "man"
das Überhören des Rufes.
6. Nähe zur Mystik
Heideggers Religiosität steht der negativen Theologie nahe:
- Meister Eckhart
- Dionysius Areopagita
Gemeinsam ist:
- Gott entzieht sich jedem Begriff
- Erkenntnis geschieht durch Loslassen
- Nähe entsteht im Nicht-Wissen
7. Zusammenfassung in einem Bild
Heideggers Religiosität ist wie ein Warten in der Lichtung:
kein Gebet,
kein Dogma,
sondern ein aufmerksames Verweilen im Offenen.
Oder in einem Satz:
Heideggers Religiosität besteht nicht im Glauben an Gott,
sondern im Bereitsein für das Heilige, das sich vielleicht ereignet.
Kierkegaards Religiosität
Sie ist existentiell, leidenschaftlich und paradox – nicht System, nicht Weltanschauung, sondern eine persönliche Entscheidung vor Gott.
1. Gegen „Christentum“ – für den Glauben
Kierkegaard richtet sich scharf gegen das, was er das „Christentum der Christenheit“ nennt:
eine gesellschaftlich bequeme, institutionalisierte Religion.
Für ihn ist klar:
Christsein ist keine Zugehörigkeit, sondern ein Wagnis.
Religiosität beginnt dort, wo:
- Sicherheiten enden
- Gewissheiten zerbrechen
- der Einzelne allein vor Gott steht
2. Subjektivität als Wahrheit
Der berühmte Satz:
„Die Subjektivität ist die Wahrheit.“
meint nicht Beliebigkeit, sondern:
- existentielle Beteiligung
- inneren Ernst
- leidenschaftliche Verantwortung
Religiös ist nicht, was man glaubt, sondern wie man glaubt.
3. Der Sprung des Glaubens
Kierkegaards Religiosität kennt keinen rationalen Übergang von Denken zu Glauben.
Der Glaube ist ein Sprung:
- jenseits der Vernunft
- nicht gegen sie, aber über sie hinaus
Das Paradox des Christentums – dass Gott Mensch wird – ist anstößig für den Verstand.
Gerade darin zeigt sich der Glaube.
4. Abraham als Urbild des Glaubens
In Furcht und Zittern wird Abraham zur Schlüsselgestalt.
Abraham ist:
- bereit, das Ethische zu suspendieren
- allein vor Gott zu handeln
- ohne Rechtfertigung vor der Welt
Religiosität ist hier:
ein absolutes Verhältnis zum Absoluten
nicht vermittelbar, nicht erklärbar.
5. Angst, Schuld und Verzweiflung
Kierkegaards Religiosität ist nicht tröstlich, sondern schonungslos.
Angst offenbart Freiheit.
Verzweiflung zeigt das Getrenntsein von Gott.
Doch:
- Verzweiflung ist nicht Sünde
- sondern der Ort, an dem Glauben möglich wird
Religiosität entsteht im Durchgang durch die Krise.
6. Christsein als Nachfolge
Christus ist für Kierkegaard nicht Lehrmeister, sondern Vorbild des Leidens.
Christsein heißt:
- Nachfolge
- Selbstverleugnung
- Kreuz tragen
Nicht Bewunderung, sondern Existenzform.
7. Zusammenfassung in einem Bild
Kierkegaards Religiosität gleicht einem Alleingang im Sturm:
keine Sicherungsleine,
keine Garantie,
nur das Vertrauen auf Gott.
Oder in einem Satz:
Kierkegaards Religiosität ist der leidenschaftliche Sprung des Einzelnen ins Absolute,
gegen die Sicherheit der Welt und ohne Netz.
Nietzsches Religiosität
Sie ist negativ, kämpferisch und zugleich zutiefst ernst.
Er ist kein religiöser Denker trotz seiner Gotteskritik, sondern in ihr.
1. „Gott ist tot“ – kein Spott, sondern Diagnose
Nietzsches berühmter Satz meint keinen Triumph des Atheismus.
Er beschreibt eine geschichtliche Katastrophe:
Die höchsten Werte haben ihre bindende Kraft verloren.
Der Tod Gottes ist:
- der Zusammenbruch einer metaphysischen Ordnung
- der Verlust eines letzten Sinnhorizonts
- eine existentielle Gefahr
Nietzsche klagt diesen Verlust an – er feiert ihn nicht.
2. Kritik am Christentum als Moralreligion
Nietzsches Angriff richtet sich weniger gegen Gott als gegen das Christentum als Lebensverneinung.
Er kritisiert:
- Schuld- und Sündenmoral
- Askese als Machtinstrument
- Jenseitsvertröstung
Das Christentum, so Nietzsche, verkehrt:
- Schwäche in Tugend
- Leiden in Sinn
- Ressentiment in Moral
3. Der „religiöse Ernst“ Nietzsches
Trotz aller Polemik ist Nietzsche von religiöser Intensität.
Sein Denken ist:
- pathetisch
- prophetisch
- liturgisch im Ton
Er schreibt nicht wie ein Skeptiker, sondern wie ein Verkündiger.
Seine Texte haben den Rhythmus von Psalmen, Flüchen, Hymnen.
4. Der Übermensch als Ersatzreligion?
Der Übermensch ist kein biologisches Ideal, sondern ein Sinnstifter.
Er steht für:
- Selbstüberwindung
- schöpferische Bejahung des Daseins
- Verantwortung ohne metaphysischen Halt
Nietzsche sucht Transzendenz ohne Gott.
5. Ewige Wiederkehr als religiöse Probe
Die Lehre der ewigen Wiederkehr ist keine Kosmologie, sondern eine existenzielle Prüfung.
Religiöse Frage:
Könntest du dein Leben unendlich oft bejahen?
Hier wird das Leben selbst zum absoluten Maßstab.
6. Dionysos statt Christus
Nietzsche setzt dem leidenden Christus den Dionysos entgegen:
- Rausch
- Überfluss
- Werden
- Bejahung auch des Schrecklichen
Dionysisch ist eine Religiosität ohne Erlösung,
aber mit Zustimmung zum Ganzen.
7. Zusammenfassung in einem Bild
Nietzsches Religiosität ist wie ein Altar ohne Gott:
kein Gebet,
keine Gnade,
aber brennender Ernst.
Oder in einem Satz:
Nietzsche zerstört die Religion, um religiöser als die Religion zu sein:
Er sucht Sinn, Hingabe und Heiligkeit im Leben selbst.
Die Religiosität Franz Kafkas ist eine der rätselhaftesten und zugleich konsequentesten der literarischen Moderne. Sie ist durch und durch religiös, ohne je religiöse Gewissheit zu erreichen; sie kreist um Gott, Gesetz und Schuld – ohne Offenbarung, ohne Erlösung.
Man kann sie als Religiosität der unendlichen Annäherung beschreiben.
1. Ausgangspunkt: jüdische Herkunft – religiöse Entfremdung
Kafka wächst in einem assimilierten jüdischen Milieu Prags auf:
- kaum praktizierte Religiosität
- Distanz zur traditionellen Liturgie
- frühes Gefühl religiöser Leere
Zugleich:
- intensive Beschäftigung mit jüdischen Texten, Legenden, dem Talmud
- Faszination für Chassidismus (über Martin Buber)
- lebenslange Auseinandersetzung mit Schuld, Gesetz, Gericht
Kafkas Religiosität ist nicht geerbt, sondern gesucht – und nie erreicht.
2. Gott als abwesende Instanz
In Kafkas Werk erscheint Gott:
- nicht als Person
- nicht als liebender Vater
- nicht als Offenbarer
Sondern als:
- ferne Instanz
- unerreichbare Autorität (Das Schloss, der Prozess machen dies deutlich)
- unendliche Verzögerung
In den Aphorismen aus Zürau heißt es:
„Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.“
Das ist eine Theologie der Distanz:
- Gott ist denkbar
- aber nicht erreichbar
- nicht ansprechbar
3. Gesetz ohne Gnade
Ein zentrales religiöses Motiv bei Kafka ist das Gesetz:
- absolut
- undurchschaubar
- nicht interpretierbar
In Der Prozess:
- Das Gericht ist allgegenwärtig
- Schuld existiert vor jeder Tat
- Vergebung ist nicht vorgesehen
Parabel Vor dem Gesetz:
Der Mensch darf eintreten – aber nie jetzt.
Das ist eine radikale Umkehr der biblischen Verheißung:
Nicht der Mensch verfehlt das Gesetz,
sondern das Gesetz verfehlt den Menschen.
4. Schuld ohne Sühne
Kafkas Schuldbegriff ist religiös, aber ohne Erlösung:
- keine Beichte
- kein Opfer
- kein Freispruch
Schuld ist:
- existenziell
- grundlos
- unaufhebbar
In den Tagebüchern:
„Das Böse ist das, was mich von Gott trennt, aber Gott ist das, was ich nicht erreichen kann.“
Schuld wird zum Dauerzustand des Daseins.
5. Gebet als Unmöglichkeit
Kafka schreibt mehrfach:
„Ich bin unfähig zu beten.“
Doch:
- seine Texte haben Gebetsform
- Anrufung
- Bitte
- Klage
Die Parabeln sind verhinderte Gebete:
- sie wenden sich an eine Instanz
- erhalten keine Antwort
Religiosität wird zur Bewegung ohne Ziel.
6. Hoffnung – aber „nicht für uns“
Der berühmte Satz:
„Es gibt unendlich viel Hoffnung – nur nicht für uns.“
Das ist kein Nihilismus.
Es ist eine theologische Grenzform:
- Hoffnung existiert
- aber sie entzieht sich der menschlichen Verfügung
Kafka hält die Möglichkeit des Göttlichen offen,
ohne sie existenziell einzulösen.
7. Nähe zu Mystik und negativer Theologie
Kafka steht nahe bei:
- jüdischer Mystik (Zimzum: Gottes Rückzug)
- Meister Eckhart (indirekt)
- Kierkegaards (Verzweiflung)
Aber:
- ohne mystische Vereinigung
- ohne Durchbruch
- ohne Ekstase
Religiosität bleibt asymptotisch.
8. Abgrenzung: Kafka ist kein Atheist
Kafka ist:
- kein Atheist
- kein Skeptiker im banalen Sinn
- kein Agnostiker aus Gleichgültigkeit
Er ist:
gläubig an die Unmöglichkeit des Glaubens.
9. Kurzformel
Kafkas Religiosität ist:
- Gottesnähe im Modus der Distanz
- Gesetz ohne Gnade
- Schuld ohne Erlösung
- Gebet ohne Antwort
Oder zugespitzt:
Kafka schreibt im Wartesaal Gottes.
Religiosität Kafkas
Religiosiät Paul Celans
Die Religiosität Paul Celans ist eine der radikalsten und zugleich fragilsten Formen moderner Spiritualität. Sie ist jüdisch geprägt, aber ohne religiöse Geborgenheit; sie spricht zu Gott, oft gegen Gott, manchmal aus der Leere nach Gott.
1. Jüdischer Ursprung – zerstörte Tradition
Celan wächst im ostjüdischen Milieu der Bukowina auf:
- Bibel, Psalmen, hebräische Sprachreste
- Chassidische Frömmigkeit
- Gebet als existenzieller Akt
Doch:
Auschwitz zerstört jede naive Fortsetzung der Tradition.
Seine Eltern werden ermordet – das religiöse Erbe bleibt, aber verwundet.
Celans Religiosität ist eine Überlebende, keine intakte Überlieferung.
2. Nach Auschwitz: Gebet ohne Gewissheit
Celan betet – aber ohne Antwortgarantie.
Berühmt ist die Umkehrung des Psalms in der „Todesfuge“:
„Schwarze Milch der Frühe“
Hier ist keine tröstende Theologie mehr möglich.
Gott erscheint:
- schweigend
- abwesend
- oder selbst verwundet
Celans religiöse Sprache ist eine Sprache nach dem Zusammenbruch des Bundes.
3. „Niemand zeugt für den Zeugen“ – negative Theologie
Ein zentraler Satz:
„Niemand zeugt für den Zeugen.“
Das ist:
- keine Absage an Gott
- sondern eine apophatische Haltung (negative Theologie, das Göttliche übersteigt den menschlichen Verstand)
Gott ist:
- nicht widerlegt
- aber unverfügbar
- nicht mehr benennbar
Celan steht nahe bei:
- jüdischer Mystik
- Hiob
- Meister Eckhart
- der Tradition des verschwiegenen Gottes
4. Sprache als letzter religiöser Ort
Wenn Gott schweigt, bleibt die Sprache.
Aber auch sie ist:
- gebrochen
- verstümmelt
- voller Stille
Celans Gedichte sind sprachliche Gebetsreste:
- Splitter
- Atemzüge
- Notrufe
Das Gedicht ist kein Lobpreis mehr, sondern ein „Atemkristall“ – ein Minimalzeichen von Sinn im Nichts.
Beispiel:
Weggebeizt vom Strahlenwind deiner Sprache
das bunte Gerede des Anerlebten,
das hundertzüngige Meingedicht, das Genicht.
Ausgewirbelt, frei der Weg durch den menschengestaltigen Schnee
den Büßerschnee,
zu den gastlichen Gletscherstuben und Tischen
Tief
in der Zeitenschrunde
beim Wabeneis
wartet ein Atemkristall
Dein unumstößliches Zeugnis
Paul Celan
5. Keine Erlösung – nur Verantwortung
Celans Religiosität kennt:
- keine Versöhnung
- keine Theodizee
- keinen Trost
Aber sie kennt:
- Erinnerung
- Treue zu den Toten
- ethische Wachsamkeit
Das Gedicht wird zum moralischen Akt – fast zu einem Ersatz für Gebet.
Distanz zur Religion
Celan ist:
- nicht religiös im institutionellen Sinn
- kein Glaubender im dogmatischen Sinn
Aber:
- zutiefst biblisch
- tief durchzogen von messianischer Spannung
- offen für das Unmögliche
Seine Religiosität ist:
Glaube ohne Glauben,
Gebet ohne Himmel,
Treue ohne Zusicherung.
Fragment aus dem Gedicht: Sprich auch du:
dünner wirst du
unkenntlicher feiner,
feiner, ein Faden,
an dem herabwill der Stern
um unten zu schwimmen
unten, wo er sich schimmern sieht
in der Dünung wandernder Worte
Paul Celans Religiosität ist
eine jüdische Spiritualität nach der Katastrophe:
- Gott bleibt möglich – aber nur im Bruch
- Sprache ersetzt keine Religion, aber sie bewahrt Würde
- Dichten wird zur letzten Form von Verantwortung
Gedichtbeispiele:
1. Todesfuge (1945/48) – Zerstörtes Psalmengebet
„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts“
Religiöse Dimension
- Umkehrung des biblischen Segens („Milch und Honig“)
- Tageszeiten erinnern an Gebetsrhythmen (Schma Jisrael, Stundengebet)
- Gott erscheint nicht als Retter, sondern als Abwesender
Die Todesfuge ist ein Anti-Psalm:
Gebet ohne Adressaten, Liturgie der Vernichtung.
2. Psalm (1963) – Gebet an „Niemand“
„Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.“
Religiöse Dimension
- Explizite Negation des Schöpfungsgottes
- „Niemand“ ersetzt den Gottesnamen (vgl. jüdisches Bilderverbot)
Dennoch: die Gebetsform bleibt erhalten
Das Gedicht ist negative Theologie in Reinform:
Gott ist nur noch als Abwesenheit ansprechbar.
3. Tenebrae (1959) – Umkehrung der Passionsliturgie
„Bete, Herr,
bete zu uns,
wir sind nah.“
Religiöse Dimension
- Anspielung auf die christliche Karfreitagsliturgie
- Radikale Umkehr der Gebetsrichtung:
- Nicht der Mensch bittet Gott
- Gott soll den Menschen anflehen
Hier wird Gott selbst bedürftig, fast anklagbar.
Celans Religiosität ist gerichtlich, nicht devotional.
4. Engführung (1958) – Mystischer Durchgang
„Niemand
zeugt für den
Zeugen.“
Religiöse Dimension
- Zeuge = Überlebender = biblische Figur
- Keine transzendente Instanz, die bestätigt
- Nähe zur jüdischen Mystik nach dem Zimzum (Gottesrückzug)
Zeugenschaft wird ethisch, nicht theologisch abgesichert.
5. Fadensonnen (1965) – Restlicht nach dem Untergang
„Es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen.“
Religiöse Dimension
- „Sonnen“ nur noch als Fäden – schwache Transzendenz
- Hoffnung ohne Erlösungsversprechen
Nähe zur messianischen Minimalhoffnung des Judentums
Kein Himmel, aber ein Rest von Licht.
6. Atemkristall (1965) – Gedicht als Gebetsform
„Tief im Schnee,
im Eis der Zeit,
ein Atemkristall.“
Religiöse Dimension
- Atem = biblisches Lebensprinzip (ruach)
- Kristall = Verdichtung, Zerbrechlichkeit
- Gedicht als Minimal-Gebet
Sprache wird sakramental, aber ohne Institution.
7. Zusammenfassung in einer Linie
Celans Gedichte zeigen eine Religiosität:
- ohne Heilsgewissheit
- ohne Theodizee
- ohne versöhnenden Gott
Aber:
- mit Gebetsgestus
- mit biblischem Echo
- mit ethischer Treue zu den Toten
Celans Dichtung ist Liturgie nach dem Ende der Liturgie.
Paul Celan im Widerstreit
Religiosität nach der Katastrophe – eine Profilierung gegenüber Rudolf Steiner, Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche
Einleitung
Die Frage nach der Religiosität Paul Celans gehört zu den zentralen Problemen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur und ihrer philosophisch-theologischen Deutung. Celans Werk entsteht unter der Signatur von Auschwitz und steht damit vor der doppelten Herausforderung, einerseits an religiöse Sprachtraditionen anzuschließen und andererseits deren Unhaltbarkeit nach der Shoah offenzulegen.
Celans Dichtung ist weder konfessionell noch systematisch religiös. Gleichwohl ist sie in hohem Maße von biblischen, liturgischen und mystischen Sprachformen durchzogen. Diese Spannung – zwischen religiöser Herkunft und radikaler Skepsis gegenüber religiöser Sinnstiftung – bildet den Ausgangspunkt des folgenden Texts.
Ziel ist es, Celans spezifische Form von Religiosität im Kontrast zu drei einflussreichen Denkfiguren des 20. Jahrhunderts zu profilieren: Rudolf Steiner, Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche. Alle drei reagieren auf den Zerfall traditioneller Religion, doch in jeweils entgegengesetzter Weise zu Celan.
Die leitende These lautet:
Celans Religiosität konstituiert sich als eine Ethik der Erinnerung, die jede metaphysische Sinnsicherung verweigert und gerade darin ihre normative Kraft gewinnt.
I. Grundzüge von Celans Religiosität
Celans Verhältnis zur Religion ist durch eine paradoxe Struktur gekennzeichnet: Die Form des Gebets bleibt erhalten, während sein transzendenter Adressat entzogen ist. Diese Struktur lässt sich als eine Variante negativer Theologie beschreiben, die an jüdische wie christliche Traditionen der Gottesverbergung anknüpft, ohne sie fortzuschreiben.
Exemplarisch hierfür ist das Gedicht Psalm (1963):
„Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm,
niemand bespricht unsern Staub.
Niemand.“¹
Die biblische Schöpfungsmetaphorik (Gen 2,7) wird nicht einfach negiert, sondern in die Form einer liturgischen Anrufung des Abwesenden überführt. Der Gottesname wird durch das Wort „Niemand“ ersetzt – eine Geste, die sowohl an das jüdische Bilder- und Namensverbot als auch an apophatische Theologien erinnert.
Religiosität erscheint hier nicht als Glaubensgewissheit, sondern als sprachliche Haltung angesichts des Unverfügbaren.
II. Celan gegen Rudolf Steiner
Sinnverweigerung versus spirituelle Sinnkontinuität
Rudolf Steiners Anthroposophie entwirft eine umfassende spirituelle Kosmologie, in der Geschichte als teleologischer Entwicklungsprozess verstanden wird.
Leiden erhält innerhalb dieses Systems einen metaphysischen Ort, etwa im Horizont von Karma, Reinkarnation und geistiger Schulung.²
Steiners Religiosität ist durch die Überzeugung gekennzeichnet, dass auch extreme Formen des Leidens letztlich in einen höheren Sinnzusammenhang integrierbar bleiben.
Bauhüttenwort Böhms im Sinne Steiners:
Wer das Kriterium der eigenen Person nicht in der Sache sucht, die ihn angeht, der kann das Ideal nur erleiden. In solchem Erleiden erwachsen ihm aber die Kräfte, anzuheben sein Kriterium, bis es mit der Sache, die in Frage steht, sich vereinigen darf.
Celans Dichtung widersetzt sich einer solchen Integration fundamental. In der Todesfuge (1945/48) wird die religiöse Bildwelt nicht zur Sinnstiftung, sondern zur Demontage heilsgeschichtlicher Hoffnung eingesetzt:
„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends …“³
Das biblische Motiv von Milch als Zeichen des Segens (Ex 3,8) wird ins Gegenteil verkehrt. Celans implizite Kritik an Sinnkosmologien wie derjenigen Steiners lässt sich daher folgendermaßen zuspitzen:
Jede metaphysische Sinnrettung läuft Gefahr, das singuläre Leiden der Opfer zu neutralisieren.
Celans Religiosität ist insofern anti-esoterisch, nicht aus theoretischer Ablehnung, sondern aus ethischer Konsequenz.
III. Celan gegen Martin Heidegger
Verwundete Sprache versus ontologische Sakralisierung
Martin Heidegger hat der Dichtung im Rahmen seiner Spätphilosophie eine herausragende ontologische Funktion zugeschrieben. Mit der berühmten Formel „Die Sprache ist das Haus des Seins“⁴ wird dem poetischen Wort eine eröffnende, nahezu sakrale Dimension zugesprochen.
Celan teilt Heideggers Überzeugung von der Zentralität der Sprache, widerspricht jedoch entschieden deren ontologischer Aufwertung. Für ihn ist Sprache nach Auschwitz irreversibel beschädigt.
Das Gedicht Engführung formuliert dies in äußerster Zuspitzung:
„Niemand zeugt für den Zeugen.“⁵
Es gibt keine Instanz – weder Gott noch Sein –, die das Zeugnis des Überlebenden metaphysisch absichern könnte. Auch das Gedicht Todtnauberg (1967), entstanden nach Celans Begegnung mit Heidegger, bleibt bewusst im Modus der unerfüllten Hoffnung:
„ein Denkendes kommt
zur Sprache“⁶
Celans Einspruch gegen Heidegger lautet daher:
Sprache ist nicht Offenbarung des Seins, sondern Ort historischer Schuld und ethischer Verantwortung.
IV. Celan gegen Friedrich Nietzsche
Erinnerungsethik versus ästhetische Lebensbejahung
Nietzsches Diagnose vom „Tod Gottes“ bildet den Ausgangspunkt einer radikalen Umwertung religiöser Kategorien. Kunst soll nicht mehr trösten oder erlösen, sondern das Leben steigern und bejahen – selbst im Angesicht des Leidens.⁷
Celans Dichtung steht hierzu in scharfem Kontrast. Für ihn darf Leiden weder ästhetisiert noch affirmativ gewendet werden. Es verpflichtet zur Erinnerung, nicht zur Überwindung.
In Tenebrae (1959) kehrt Celan die traditionelle Gebetsrichtung um:
„Bete, Herr,
bete zu uns.“⁸
Gott wird hier nicht als Heilsinstanz angerufen, sondern zur Verantwortung gezogen. Diese Geste markiert den entscheidenden Unterschied zu Nietzsche:
Während Nietzsche das Leiden transzendiert, insistiert Celan auf seiner Unaufhebbarkeit.
Kunst wird damit nicht zur Lebenssteigerung, sondern zur Form ethischer Treue.
V. Schluss: Celans singuläre Religiosität
Im Vergleich zu Steiner, Heidegger und Nietzsche erweist sich Celans Position als singulär:
- gegen jede metaphysische Sinnsicherung,
- gegen jede ontologische Sakralisierung der Sprache,
- gegen jede ästhetische Rechtfertigung des Leidens.
Celans Religiosität lässt sich daher als eine post-theologische Ethik der Wachsamkeit beschreiben:
- Gebet ohne garantierten Adressaten,
- Glaube ohne Heilsgewissheit,
- Sprache ohne Erlösungsversprechen.
Gerade in dieser radikalen Verweigerung liegt ihre philosophische und moralische Bedeutung.
Celans Dichtung bewahrt das Andenken der Toten, indem sie sich jeder Versöhnung verweigert.
Anmerkungen
- Paul Celan: Psalm, in: Die Niemandsrose, Frankfurt a.M. 1963.
- Vgl. Rudolf Steiner: Theosophie, GA 9, Dornach 1904.
- Paul Celan: Todesfuge, in: Mohn und Gedächtnis, Frankfurt a.M. 1952.
- Martin Heidegger: Unterwegs zur Sprache, Pfullingen 1959, S. 12.
- Paul Celan: Engführung, in: Sprachgitter, Frankfurt a.M. 1959.
- Paul Celan: Todtnauberg, in: Lichtzwang, Frankfurt a.M. 1970.
- Vgl. Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, §125.
- Paul Celan: Tenebrae, in: Sprachgitter, Frankfurt a.M. 1959.
Weiterführende Literatur
- Derrida, Jacques: Schibboleth. Für Paul Celan, München 1986.
- Szondi, Peter: Celan-Studien, Frankfurt a.M. 1972.
- Felstiner, John: Paul Celan. Poet, Survivor, Jew, New Haven 1995.
- Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit, München 2006.
- Lévinas, Emmanuel: Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht, Den Haag 1974.
Celan – Rilke – Hölderlin
Drei Modelle poetischer Religiosität von der Klassik zur Nachgeschichte
Einleitung
Die deutschsprachige Lyrik kennt kaum drei Dichter, an denen sich das Verhältnis von Dichtung und Religiosität so präzise geschichtlich differenzieren lässt wie an Friedrich Hölderlin, Rainer Maria Rilke und Paul Celan. In ihrem Werk begegnen sich drei Epochen, drei Erfahrungshorizonte und drei grundverschiedene Antworten auf dieselbe Frage:
Wie ist Transzendenz nach dem Rückzug der traditionellen Religion noch sprachlich erreichbar?
Hölderlin antwortet aus der Krise der klassischen Metaphysik, Rilke aus der Erfahrung moderner Innerlichkeit, Celan aus der historischen Katastrophe von Auschwitz. Die folgende Gegenüberstellung versteht sich nicht als literarhistorische Typologie, sondern als philosophisch-theologische Profilierung poetischer Religiosität.
I. Hölderlin: Epiphanische Religiosität und das Heilige
Hölderlins Dichtung ist von einer sakralen Ontologie getragen. Auch nach dem Zerfall der traditionellen christlichen Ordnung bleibt für ihn das Heilige eine reale Dimension der Welt.
Zentral ist die Vorstellung der Epiphanie: Das Göttliche zeigt sich – wenn auch selten und gefährdet – im Sein selbst.
In der Hymne Patmos heißt es:
„Nah ist
und schwer zu fassen der Gott.“¹
Diese Nähe ist keine subjektive Empfindung, sondern eine Welterfahrung. Der Dichter fungiert als Mittler zwischen Göttern und Menschen. Sprache hat dabei einen nahezu priesterlichen Rang.
Hölderlins Religiosität ist:
- kosmisch,
- geschichtlich,
- ontologisch fundiert.
Der Rückzug der Götter ist Krise, nicht Ende. Hoffnung bleibt strukturell erhalten.
II. Rilke: Immanente Transzendenz und religiöse Innerlichkeit
Rilke radikalisiert die Moderne, indem er Transzendenz ins Innere des Subjekts verlegt. Gott ist bei ihm keine ontologische Macht, sondern eine innere Möglichkeit des Menschen.
Im Stunden-Buch schreibt Rilke:
„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.“²
Religiosität erscheint hier als Prozess der Selbstverwandlung. Gott ist nicht offenbarend, sondern werdend.
Kennzeichnend ist:
- mystische Bildsprache ohne Dogma,
- Nähe zur negativen Theologie,
- ästhetische Sublimierung des Religiösen.
Rilkes Gott tröstet nicht durch Heilsgeschichte, sondern durch innere Weite.
III. Celan: Negative Religiosität nach der Katastrophe
Celans Dichtung markiert einen radikalen Bruch. Die historischen Voraussetzungen von Hölderlins Epiphanie und Rilkes Innerlichkeit sind nach Auschwitz zerstört.
Religiöse Sprache bleibt zwar präsent, erscheint jedoch nur noch als Fragment, als Spur, als gebrochene Anrufung.
In Psalm heißt es:
„Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm.“³
Der Gottesname wird durch Abwesenheit ersetzt. Celans Religiosität ist eine post-theologische Haltung, die jede Sinnstiftung verweigert.
Charakteristisch sind:
- Gebet ohne Antwort,
- Sprache als Ort von Schuld und Erinnerung,
- Ethik statt Heil.
Dichtung wird zur letzten Form der Treue gegenüber den Toten.
IV. Systematische Gegenüberstellung
| Aspekt | Hölderlin | Rilke | Celan
| Gottesbezug | Epiphanisch | Innerlich | Negativ / abwesend
| Rolle der Sprache | Offenbarung | Verwandlung | Zeugnis
| Verhältnis zur Geschichte | Heilsgeschichtlich | Ästhetisch-individuell | Katastrophisch
| Funktion der Dichtung | Vermittlung | Selbsttranszendenz | Erinnerungsethik
V. Schluss: Die historische Bewegung
Die Linie Hölderlin – Rilke – Celan beschreibt keine Steigerung, sondern eine Verengung der Möglichkeiten religiöser Sprache.
- Bei Hölderlin spricht das Göttliche noch zur Welt.
- Bei Rilke spricht es im Menschen.
- Bei Celan spricht es nur noch als Schweigen, dem geantwortet werden muss. (Tief in der Zeitenschrunde beim Wabeneis, wartet ein Atemkristall, dein unumstößliches Zeugnis)
Celan steht nicht am Ende der Tradition, sondern an ihrem moralischen Prüfpunkt.
Seine Dichtung bewahrt die religiöse Frage, indem sie jede religiöse Antwort suspendiert. Selbst das Licht wird zur Gefahr, wenn der Schatten fehlt, wie man in dem Gedicht
"Sprich auch du" erfahren kann, denn die Wahrheit braucht den Schatten. Das heißt hier finden sich Reste des Glaubens an eine Transzendenz im Glauben an die Wahrheit, die hier mit der Schönheit des sprachlichen Klanges verbunden wird.
Sprich auch du,
Sag deinen Spruch
Sprich als letzter,
Sag deinen Spruch
Sprich
Doch scheide das Nein nicht vom Ja
Gib deinem Spruch auch den Sinn:
Gib ihm den Schatten
Gib im Schatten genug,
gib ihm so viel, als du um dich verteilt weißt
zwischen Mittnacht und Mittag und Mittnacht
Blicke umher,
sieh wie`s lebendig wird rings
beim Tode lebendig.
Wahr spricht wer Schatten spricht
Nun aber schrumpft der Ort, wo du stehst
wohin jetzt, Schattenenblößter wohin?
steige, taste empor
dünner wirst du unkenntlicher feiner
feiner ein Faden, an dem herabwill der Stern
um unten zu schwimmen,
Unten, wo er sich schimmern sieht,
in der Dünung wandernder Worte.
Anmerkungen
- Friedrich Hölderlin: Patmos, in: Sämtliche Werke, Stuttgarter Ausgabe.
- Rainer Maria Rilke: Das Stunden-Buch, Frankfurt a.M. 1905.
- Paul Celan: Psalm, in: Die Niemandsrose, Frankfurt a.M. 1963.
Weiterführende Literatur
- Heidegger, Martin: Hölderlin und das Wesen der Dichtung, Frankfurt a.M. 1936.
- Hamburger, Michael: The Truth of Poetry, London 1969.
- Szondi, Peter: Celan-Studien, Frankfurt a.M. 1972.
- Steiner, George: Real Presences, Chicago 1989.
- Lévinas, Emmanuel: Gott, der Tod und die Zeit, Wien 1996.